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Baggerschaufelzähne – ein Tatsachenbericht

26. Mai 2011

baggerschaufel

Ich hätte da mal ne ungewöhnliche Frage….ich bin auf der Suche nach Baggerschaufelzähnen…“- eine etwas andere Sinnsuche. Regina Kramer ist Kulturpädagogin und hat ein Volontariat in der Agentur Kunstdünger absolviert. Unter andrem lernte sie Baggerschaufelzähne zu beschaffen. Ein Tatsachenbericht in eigener Sache.

Ich war der festen Überzeugung, dass diese Frage außerordentlich ungewöhnlich war und schloss damit von mir auf andere. Denn als ich den Auftrag bekam, wusste ich im ersten Moment nicht, ob man mich veräppeln wollte. Ich versuchte zu schmunzeln, selbstsicher, denn ich hatte den Witz verstanden. Hah! So leicht ließ ich mich nicht auf den Arm nehmen! Aber die Mimik von Jean verriet mir: Das war kein Scherz. Das Schmunzeln auf meinen Lippen verzog sich zu einer durch die neutrale Haltung der Lippen erkennbaren Seriosität. Ich versuchte so zu schauen, wie ich vermutlich immer schaue, wenn ich einen Auftrag erhalte: aufmerksam, konzentriert, die Infos und Details speichernd, neutral, ohne Wertung. In diesem Fall aber war es gar nicht so leicht, wertneutral zu bleiben und nicht die Stirn zu runzeln. Bitte was, ich soll Baggerschaufelzähne auftreiben?????? Ist das eine Intrige gegen wehrlose Praktikanten? Ist das der praktische Test des  Wissens, das ich mir hier in vier Monaten aneignen durfte? Und was zum Teufel – pardon!- hat das auch nur ansatzweise mit den Inhalten von Kunstdünger, Nordkurve oder Kulturpädagogik zu tun? Ich hatte den Kopf voller Fragezeichen- und überhaupt: Ich hatte mit Baggerschaufelzähnen genauso wenig am Hut wie ein Hund mit BWL.


Jean als Kulturdesigner klärte mich auf über seine tiefgründige dahintersteckende Idee- die durchaus Sinn machte und plausibel war: Ein Baggerschaufelzahn für Sandstein (unabänderliche Voraussetzung, als wäre es nicht schwierig genug, überhaupt einen aufzutreiben…!) als Prämie für Kulturpädagogen, Kulturschaffende, Sozialarbeiter- eben für die Art von Menschen, die sich mit viel Kraft abrackern, abmühen, schaufeln und baggern, die damit rechnen müssen, dass der Sand zurück in die Grube fällt, die Mühe vergebens war, sie noch mal anfangen müssen, für die Art von Menschen, die buddeln und graben, ohne zu wissen, was sich darunter verbirgt, die aber wissen, was sie entdecken wollen. Eine Prämie für die arbeitenden Menschen, deren mühevolle Arbeit wenig bemerkt und deshalb wenig anerkannt wird. Eine Prämie als Ermutigung, weiter so zu arbeiten. Eine Prämie aus Nürnberg- deshalb also der Sandstein, weil Nürnberg aus und auf Sandstein erbaut worden war. Aha! Ein Baggerschaufelzahn – für Sandstein!-  als Symbol.


Und so begann dann mein Call- Job durch die gegoogelte Landschaft der Schrotthändler und Baumaschinenunternehmen: „ Ich hätte da mal ne ungewöhnliche Frage….ich bin auf der Suche nach Baggerschaufelzähnen…“.

Ich erwartete wie gesagt eine ähnliche Reaktion wie die meinige- lachen, skeptisches Nachfragen, Misstrauen, ob sich da jemand einen Scherz erlauben wollte. Ich wollte dem Vorweggreifen, indem ich die, wie ich glaubte, Ungewöhnlichkeit selbst ansprach, schmunzelte (und hoffte, das man Schmunzeln auch hören, nicht nur sehen konnte) und dem Ansprechpartner vermittelte: „Ich weiß, es klingt lächerlich, aber ich meine es ernst.“

Doch ich wurde rasant eines Besseren belehrt…die Anfrage war alles andere als lächerlich. Immer wurde ich direkt weitervermittelt und hatte meist äußerst hilfsbereite Menschen am Hörer, die sich meines Anliegens annahmen, nachfragten, stöberten- und dann doch verneinen mussten. Meist wurde mir jedoch eine weitere Anlaufstelle als Tipp mit auf den Weg gegeben, man wollte sich ja nicht die Blöße geben, gar nicht helfen zu können. Und so hangelte ich mich von einem Telefonat zum nächsten Tipp, der wieder einen Tipp gab, der wieder einen Tipp gab…sozusagen ein Baggerschaufelzahn-Netzwerk. Netzwerk ist auch so ein Wort, das immer gut kommt, wie Kultur und Bildung, da sagt immer gleich jeder „Ja!!!“ dazu.

Mann könne keine einzelnen Baggerschaufelzähne erhalten, die seien ja an der Schaufel dran. Jede weitere Frage meinerseits glich einer Gratwanderung…..bei so wenig Ahnung von Baggern so detaillierte Fragen zu Zähnen zu stellen und damit die Aussage eines Baggerschaufelzahnexperten dreist in Frage zu stellen, war mir nicht geheuer. Ich fasste allen meinen Mut zusammen: „Ja, aber muss man die denn nicht immer mal wechseln?“ Ich rechnete mit schallendendem Gelächter angesichts meiner unmöglichen Unwissenheit bzgl. der Wesensart von Baggerschaufelzähnen- aber es blieb aus. Das ginge schon, aber man müsse sie wegschweißen und sie seien dann nicht mehr zu gebrauchen. Na also! Ich brauch sie ja auch nicht mehr, ich will sie doch zweckentfremden. Eins zu Null für mich!

Die meisten sagten, es könne dauern, bis da „mal ein Zahn reinkommt“- bis zu Jahre sogar! Halten Baggerschaufelzähne jahrelang???? Das hieße ja, dass das eine wertvolle Rarität ist! Glücklicherweise sind die Baggerschaufelzahnvorkommnisse bei Baumaschinenherstellern etwas häufiger und dichter angesiedelt. Man könne mich zurückrufen, wenn mal einer da sei. Die große Winterreparaturzeit sei gerade vorbei, deswegen würden es in nächster Zeit weniger werden. Es gab sogar eine Baggerschaufelzahn-Wechsel-Saison! So langsam wurde ich zum Experten!

Glücklicherweise fragten die wenigsten, wofür ich den Zahn denn bräuchte….und so war ich nicht gezwungen, erst mal die ganze Theorie zu erläutern. „Haben Sie oder nicht?- Nicht?- Dann danke und Wiederhören!“

Nur in einigen Fällen musste ich mich herausreden….es handle sich um ein künstlerisches, kulturelles Projekt….nein, er müsse gebraucht sein….die Größe sei egal….aber er müsse für Sandstein sein….nein, ich wolle ihn nicht mehr benutzen….warum er dann ausgerechnet für Sandstein sein müsse…..ähhhm……30 kg wiege der?…..nein, das sei freilich zu groß……

Ein künstlerisches Projekt? Dann kann man den ja auch selbst bauen, damit die Form so aussieht wie ein Baggerschaufelzahn.“ Hm…..es folgte eine ausführliche Anleitung zum Selbstbau eines Baggerschaufelzahns aus Platten und Schweißen und Schleifen und Zuschneiden und Biegen….-stop! Es musste auf Biegen und Brechen ein tatsächlicher, gebrauchter, aber nicht mehr zukünftig gebraucht werdender Sandstein-Baggerschaufelzahn sein. Jedes Fake wäre eine Schmach für die Symbolik. Ich winkte ab.

So leicht ist das nicht, einen alten Zahn für solche Zwecke aufzutreiben. Jetzt weiß ich, warum Kunst so teuer ist“- so die schlussfolgernde Erkenntnis meines telefonischen, leicht enttäuschten Gesprächspartners.

Was gar nicht schwer war, ist der Kauf eines neuen Zahns…für 40-50 €….überall hätte ich den kriegen können, wahrscheinlich in den schönsten Formen, in seiner Vielfalt, schillernd neu glänzend- eben wie eine Prämie! Individuell auf den Empfänger abgestimmt.

In manch verzweifelter Minute und nach zig Telefonaten schmiedete ich fast meine eigenen, düsteren Pläne…..ich würde einen neuen Zahn beschaffen und jeden Tag mit ihm in der Erde buddeln, mit dem Hammer bearbeiten, im Regen stehen lassen, damit sich Rost in ihn fressen würde, ich würde ihn von dem höchsten Haus fallen lassen, damit der Lack auf dem Asphalt absplitterte, ich würde ihn in die Mangel nehmen und malträtieren und drangsalieren, bis seine Form unkenntlich sein würde und der Glanz seiner Geburt verflogen ist- und dieses gefälschte Werk wäre meine persönliche Erfolgsgeschichte, in der ich persönlich durch Mühe und Aufwand die Prämie erhalten würde. Glücklicherweise verwarf ich letzten Endes alle kriminellen und narzisstischen Gedanken und widmete mich friedlich der nächsten Adresse der Google-Liste….

Bei den wenigen Telefonpartnern, die nicht sofort verneinten, sondern Chancen sahen, in den unendlichen weiten ihres Lagers noch einen Zahn aufzutreiben, ging das Gespräch ins Detail. Welche Größe solle er denn haben? Das sei egal…hm…naja…wie groß seien denn die Unterschiede…also handlich sollte er schon sein. Sonst müsste der Preisträger ja einen Lieferwagen mitbringen- die Übergabe wäre wohl auch eher eine Überlieferung.  Wie viele Zähne ich bräuchte? Na einen nur! Welche Art von Zahn solle es sein- spitz, lang, breit…? Ähm…..ich stand vor ungeklärten Fragen…..Wofür ich den denn bräuchte? Na, für ein kulturelles Projekt…Es gäbe keine Aussehensbedingungen…aber für Sandstein müsse er sein. Ich meine…für Sandstein müsse er ursprünglich gewesen sein…jetzt nicht mehr…..Die Logik blieb wohl manchmal auf der Strecke. Es stellte sich heraus, dass es nicht unbedingt einen einzigen, spezifischen Zahn für Sandstein gab, sondern verschiedene mit verschiedenen Formen und Spitzen und Stärken für mehrere verschiedene Böden….hm….

.zu guter Letzt hatte ich einen an der Strippe….der mir bis jetzt Hoffnung macht…morgen werde ich den entscheidenden Anruf tätigen und sehe mich schon mit triumphierendem Gesicht vor Jean stehen und ihm den Zahn unter seine Nase haltend. Well done!

Der nächste Tag…..

.ein wirklich sehr freundlicher Mann, sehr hilfsbereit, sehr interessiert an dem Sinn und Zweck….der erste Ansprechpartner, dem ich die wahren Hintergründe meiner Suche schildere und dem ich zu erklären versuche, welche Symbolik hinter so einem Zahn steckt…..er scheint mich sehr ernst zu nehmen.

Allerdings muss er mich in einem Aspekt enttäuschen…..Sandstein wird gar nicht gebaggert, sondern gesägt, weil das Blöcke sind, der Bagger baggert nur die Erde drum herum weg……aus dem Grund kann er auch keinen für Sandstein spezifischen Zahn vorweisen…..

.ich lege mit dem Versprechen auf, mich zu melden für einen Besuchstermin…der nächste Schritt steht nun endgültig an: Schauen wir uns die paar einzelnen Prachtkerle doch mal an, um zu sehen, welcher sich als würdig für unsere Prämie erweist.

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