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Auf Freibier folgt der Hitlergruß – FT

15. September 2018

Drozak

Mit dem Stück „88“ zeigen Schülerinnen und Schüler der Realschule CO I an krassen Beispielen, wie schnell Jugendliche in den Strudel von rechtsradikaler Ideologie geraten können. Dass sie dazu Mut brauchen, wird im Gespräche deutlich.

Coburg – Ihre Namen sollen nicht öffentlich genannt, ihre Gesichter nicht gezeigt werden – die acht Schülerinnen und Schüler der Realschule CO I und der Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak von der Agentur  „Kunstdünger“ aus Nürnberg befürchten Angriffe aus der rechten Szene.

Aus  der Luft gegriffen ist ihre Sorge offenbar nicht. „Das Stück läuft seit einigen Jahren. Auch in Coburg wurde es vor fünf oder sechs Jahren schon einmal gezeigt“ , erzählt Jean-Francois Drozak. Damals habe es in der Vorstellung massive Störversuche gegeben. Im Vorfeld seien Flyer in die Briefkästen geworfen und das Stück als Lüge diffamiert worden. „Ich wurde als Zirkuspädagoge bezeichnet , und man hat die Reifen meines Autos Zerstochen.“


Vorsichtsmaßnahmen

Nun  wollen die Beteiligten kein erneutes Risiko eingehen. Die jungen Schauspieler werden hier also nur mit ihren Rollennamen benannt, ihre Gesichter verdeckt . Bei den Vorstellungen heute und morgen sind möglicherweise Polizeibeamte anwesend.

Vorsichtsmaßnahmen. Ihre Entschlossenheit lassen sich die Schülerinnen und Schüler aber nicht nehmen. Sie wollen mit dem Stück „88“ aufrütteln und deutlich machen, dass die Gefahr rechten Einflusses vor allem auf Jugendliche nicht gebannt ist. Einige haben selbst Erfahrungen mit Neonazis machen müssen.

Zum Beispiel Paul. „Am Bahnhof hat man mir schon Scheiß-Ausländer hinterher gerufen.“ Bernadettes Freund wurde von Nazis in Nürnberg derart zusammengeschlagen, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Für Klara ist es keine Frage, sich an dem Projekt zu beteiligen: „Ich will anderen vermitteln, dass das ein wichtiges Thema ist, über das gesprochen werden muss..“

Der achte Buchstab

Vor etwa acht Jahren entstand das Stück „88“, ein Symbol der Nazis, den der achte Buchstabe im Alphabet ist das H, das hier für Hitler steht. „Studierende der  Ohm-Hochschule Nürnberg haben dafür Interviews mit Polizisten, Sozialarbeitern, Jugendlichen, auch Neonazis geführt. Daraus habe ich dann das Stück gemacht und dafür die Originalzitate verwandt“, erzählt Jean-Francois Drozak.

„88“ wurde bereits an vielen Schulen in Oberfranken gezeigt. „Es geht darum zu zeigen, wie Rechtsradikale Jugend ideologisieren. Vieles läuft über das Internet, aber irgendwann kommt auch der persönliche Kontakt. Geködert werden die jungen Leute über Freizeitangebote, Sport und Musik. „Es entstehe eine Art Abhängigkeit zu einem Freundeskreis, aus dem die Jugendlichen nicht mehr herauskämmen.

Eine kurze Zäsur habe es mit dem Beginn des NSU-Prozesses gegeben, ergänzt der Theaterpädagoge. „Wir dachten, jetzt sei doch offensichtlich, wie Nazis agieren. Es ist vorbei.“

Dass diese Ansicht naiv und ein Irrtum gewesen sei, zeigten heute AfD, Pegida und ihre rechtsextremistischen Sympathisanten, „Rechts zu sein, ist salonfähig geworden.  Flüchtlingsheime werden angezündet. Dagegen wollen wir ein Zeichen setzen.“

Bei einem Casting in der Realschule haben sich acht Schülerinnen und Schüler durch ihre Fähigkeiten und ihr Engagement hervorgetan und wurden für das Stück ausgewählt. Und warum hat sich der Regisseur und Stückschreiber für die CO I entschieden? „Das ist die beste Schule mit einem super Lehrer-Team“, antwortet er schmunzelnd.

Vorstellung heute und Morgen

Was das Publikum heute und morgen zu sehen bekommt, ist eine harte Geschichte und mitunter schwer zu ertragen. Erzählt wird von Franz, der gern Computerspiele spielt, mit seinem Kumpel Paul herumhängt, zum Fußball geht und Freibier liebt. Der Kontakt durch die Neonazis ist schnell hergestellt.

Da ist der Boxclub mit Trainerin Kathrin, die zeigt, wie man mit „Negern“ umgeht, oder das wilde Pogen zu Musik der Schulhof-CD, die rechte Bands eingespielt  haben, oder die Kneipe, in der gegen Ausländische und Juden gehetzt und offen der Hitlergruß gezeigt wird. Aber es gibt Freibier. So kommt Franz schneller , als er denken kann, in den rechtsradikalen Strudel . Franz‘ Freund Paul distanziert sich rechtzeitig, Franz ist gefangen – wie es in der Realität immer wieder passiere, sagt Jean Francois Drozak.

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