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Armut ist keine Schande – NN

1. Dezember 2010

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Nürnberg-Gostenhof  – Unter dem Motto „Geben und Nehmen“ erfreut sich der Umsonstladen, der vor über zwei Jahren in Gostenhof eröffnet hat, großen Zulaufs.

Es ist der Samstag nach der vierwöchigen Sommerpause. Die 28-jährige Faten Hyedr hält ein „Benjamin Blümchen“-Spiel für ihre beiden Kinder in den Händen. Ein Mann fragt nach einer Kochplatte. Die letzte ist gerade vor fünf Minuten weggegangen. Schade. Er sei oft hier, „denn Armut ist keine Schande“.

Ein Vater bringt eine Kiste Spielzeug von seinem Sohn vorbei. „Davon können wir nie genug kriegen“, weiß Dorothea Kopic vom Umsonstladen. Der Nachwuchs aus der Nachbarschaft steht meist schon vor der Tür, wenn sie aufschließt. Die Religionspädagogin ist Mitbegründerin der Tauschbörse, die sich inzwischen als fester Treffpunkt im Viertel etabliert hat. Hier wird gestöbert, getauscht und gequatscht. Jeder ist willkommen.

Wir haben einen wesentlich größeren Zulauf als anfangs“, sagt Kopic. Die Existenz des Ladens habe sich wie ein Lauffeuer rumgesprochen. Immer wieder parken Leute vor dem kleinen Laden in der Rothenburger Straße 51a, laden ihre ausgemisteten Sachen aus und nehmen auch manchmal das ein oder andere Teil, das in den Regalen wartet, spontan mit. Längst beschränkt sich das Publikum nicht mehr auf Gostenhof — Leute aus ganz Nürnberg und Umgebung tauchen hier auf. Wie zum Beispiel eine 70-jährige Heroldsbergerin, die den Laden im Internet entdeckt hat: „Ich bin froh, dass es ihn gibt. Es widerstrebt mir, Sachen wegzuwerfen, die noch gut sind.“


Kinder-Pizza gratis

Vor allem Klamotten kommen immer wieder rein, gehen aber auch viel raus“, erzählt Kopic. Die anfängliche Kleiderstange reicht längst nicht mehr aus, sie hatte Gesellschaft bekommen — bis vor wenigen Wochen. „Dann hat sie jemand wohl aus Versehen samt Klamotten mitgenommen“, mutmaßt die 33-Jährige. In der Mitte des Raumes befindet sich jetzt ein Wühltisch. Ebenso landen hier Bücher in rauen Mengen, aber auch da sei die Nachfrage groß. Von Wei Hui über Uta Danella bis Thomas Mann — manche nutzen das Literaturangebot als eine Art Bücherei.

Bei diesen beiden Posten darf man sich unbegrenzt bedienen. Eine Ausnahme. Normalerweise gilt, dass man maximal drei Dinge mitnehmen darf. Dafür muss man auch nichts mitbringen. Und: Gegenstände, die man nicht alleine reintragen kann, sind tabu. Diese Regeln, die unter anderem verhindern sollen, dass der Laden aus allen Nähten platzt, zieren in sauberer Handschrift eine kleine Tafel in einer Ecke des Raumes.

Der Umsonstladen hat jeden Samstag von 11 bis 14Uhr geöffnet. Rund 50 bis 80 Personen gehen in dieser Zeit hier ein und aus. „Leider fehlt so manchem ein gutes Benehmen und die nötige Dankbarkeit“, bedauert Kopic. Denn gelegentlich geraten sich die Besucher in die Haare. „Bei den Streitigkeiten geht es darum, wer nun das Bügeleisen, die Kaffemaschine oder den Fernseher mitnimmt“, fährt die 33-Jährige fort. Vor allem elektrische Sachen seien begehrt. Grundsätzlich gilt: Wer als erster den Gegenstand entdeckt hat, bekommt den Zuschlag.

Die Idee des Umsonstladens trägt Früchte. „Die neuen Pächter der Pizzeria haben uns Gutscheine für die Kinder geschenkt“, erzählt Kopic und lächelt. Der Nachwuchs bekommt drei Läden weiter eine Pizza umsonst, denn viele sozial schwache Mädchen und Jungen befinden sich unter ihren kleinen Stammkunden. Auch eine 70-jährige Rumänin schaut jede Woche vorbei und nimmt Kleidung und Schuhe mit, die sie an ihre Familie weitergibt. Rentner, Studenten, Hausfrauen — die Kundschaft ist bunt gemischt, „nur die Hälfte sind wirklich Notleidende“, betont Kopic.

Nicht nur das Publikum, auch die Zahl der Mitarbeiter hat zugenommen. „Leute aus der Nachbarschaft, denen unser Konzept gefällt, mischen kräftig mit“, sagt sie. Andere seien ausgeschieden. Und so ist das Team inzwischen auf zwölf Ehrenamtler im Alter von 20 bis 38 Jahren gewachsen — darunter nur drei Jesus Freaks. Die Tauschbörse befindet sich in den Räumen des christlichen Vereins, der auch die Miete übernimmt.

Bei den Jesus Freaks handelt es sich um eine weltweite, christliche Jugendbewegung, die hier in Gostenhof ihr Zuhause gefunden hat. Von der anfänglichen Hoffnung, dass der Laden sich irgendwann selbst finanziert, seien sie noch weit entfernt, weiß Dorothea Kopic. Die große Spendenbox am Eingang muss sich, wenn sie überhaupt gefüttert wird, meist mit kleinen Centbeträgen begnügen.

 

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