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Agrobatic – Jugendkriminalität

8. Juni 2009

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AgroBatic ist ein erlebnisorientiertes Motivationsmodul. Die Teilnehmer des Seminars erhalten das notwendige Know-How, um das Modul in der Praxis anwenden zu können. In Kooperation mit dem Dienstchef der Jugendpolizei im Kanton Solothurn entstehen in der Multiplikatorenschulung aufgrund von Erfahrungsberichten des Adj Marcel Dubach szenische Entwürfe, die Lebenswege junger Krimineller nachzeichnen.


Das Konzept von AgroBatic baut auf die Dialogbereitschaft von ehemaligen Kriminellen, die sich auf dem Weg der Resozialisierung befinden. Zumeist befinden sie sich noch in Haft. Sie unterstützen pädagogische Fachkräfte darin, verhaltensauffälligen Jugendlichen mögliche Konsequenzen aus ihrem bisherigen Handeln aufzuzeigen. Sie nehmen ihre Rolle als Multiplikatoren wahr. Sie zeigen ihren Lebensweg auf, der dem der Jugendlichen oft sehr ähnelt. So haben die Jugendlichen die Möglichkeit zu erkennen, dass sie selbst nicht weit von einer „Knastkarriere“ weg sind. Auch die zum Teil idealisiert-romantischen Vorstellungen über die totale Institution Gefängnis wird zurechtgerückt.

Das Modul wurde in Nürnberg entwickelt. Es findet in sozialen Einrichtungen Anwendung, die es zunehmend mit gewaltbereiten und vorbestraften Jugendlichen zu tun haben. So wie am Beispiel des Beruflichen Fortbildungszentrums für die bayerische Wirtschaft, für die der Sozialarbeiter Bernd Hunger tätig ist. Er vermittelt Jugendlichen eine Ausbildungsstätte oder unterstützt sie mit Qualifizierungsmaßnahmen.

Jedes Jahr können hier bis zu 200 Jugendliche ihren Schulabschluss nachholen. Bernd Hunger glaubt, dass auch dieses Jahr 80 % dieser das auch schaffen werden. Die allermeisten wissen, dass das Eis für sie immer dünner wird. Allerdings ist diese Quote nur so hoch, weil die Mitwirkenden im BFZ zu motivieren wissen. Wenn die Maßnahmen beginnen, werden zahlreiche Jugendliche aus der ganzen Region über das Arbeitsamt an sie vermittelt. Viele von ihnen haben schon unzählige von Bewerbungen geschrieben. Sie sind demotiviert und fühlen sich von der Gesellschaft ins Abseits gedrängt. Bald merkt das Team, wer sich engagieren wird und wer noch den Motivationskick braucht.

Alexander ist 15 Jahre alt und zweimal vorbestraft. Er hat die Schule vorzeitig abgebrochen. Er lebt in einem Jugendheim. „Weil seine Eltern mit ihm nicht mehr zurecht kamen“, sagt er.

Solche wie Alexander bringen einen Cocktail an Problemen mit sich, der ein Lernen auf die Abschlussprüfungen hin zunächst unmöglich macht. Das BFZ hat das schon frühzeitig erkannt und bietet für 10 % seiner Jugendlichen immer wieder ein spezielles Motivationsangebot an.

„Es sind meist Jugendliche mit einer Vielzahl an Problemen, die zu Beginn einer Maßnahme den Ernst der Lage nicht begreifen wollen“, meint Jean-Francois Drozak. Er wird vom BFZ und anderen sozialen Einrichtungen gebucht, um den Fokus verhaltensauffälliger Jugendlicher auf das Wesentliche zu lenken: deren Zukunft.

Es gibt genügend kreative Motivationsangebote, die Jugendliche dort abholen wo gutes Zureden nicht mehr funktioniert. Es gibt Alternativen zu Forderungen, das Jugendstrafgesetz zu verschärfen oder Trainingslager nach amerikanischem Vorbild in Erwägung zu ziehen.

Jean-Francois Drozak ist Geschäftsführer der Agentur Kunstdünger, die zum Beispiel seit 10 Jahren das Motivationsmodul AgroBatic zu diesem Zweck anbietet. Während seines Studiums der Sozialen Arbeit hat er in einer Justizvollzugsanstalt gearbeitet. Viele der Insassen sprachen sehr offen und reumütig über ihre Vergangenheit. Er fragte sich oft, ob sie nicht auch bereit wären mit verhaltensauffälligen Jugendlichen zu sprechen.

Bei der JVA Nürnberg kam die Idee gut an. Seither organisiert Kunstdünger zum wiederholten Mal Begegnungen zwischen Jugendlichen und Insassen. AgroBatic hilft Jugendlichen mit abweichendem Verhalten, ihre romantischen Vorstellungen von Justizvollzug und Kriminalität der Realität anzupassen. Insassen motivieren Jugendliche darin, sich auf dem Ausbildungsmarkt zu bewerben, einen Abschluss nachzuholen, statt sich weiterhin in einer Abwärtsspirale zu bewegen. Das Gruppenangebot dient zur Sensibilisierung des Themas, um in weiteren Einzelberatungen ein Hilfsprogramm mit den Jugendlichen auszuarbeiten.

Das zu bearbeitende Thema: Kriminalität!

Kreativ ist das Modul deshalb, weil die Insassen aus ihrem Leben erzählen und Jugendliche diese Geschichten szenisch umsetzen. Zunächst treffen sich beide Gruppen innerhalb der JVA am runden Tisch. Die Insassen erzählen wie es dazu kam, dass sie langjährige Haftstrafen abzusitzen haben.
Einen Tag später spielen die Jugendlichen den Insassen die erarbeiteten Szenen vor. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die jungen Protagonisten überwiegend von den „wahren Kriminalgeschichten“ fasziniert. Das spiegelt sich unter anderem auch in ihren heroischen Darstellungsversuchen wieder, die mit der Realität der Insassen kaum etwas gemeinsam haben. Die Insassen melden die verschrobenen Vorstellungen der Jugendlichen unverblümt zurück.

„Manchmal steht sogar einer der Insassen auf und zeigt szenisch was es heißt, `jemandem wirklich die Fresse zu polieren`“, sagt Jean-Francois Drozak. „In diesen Momenten wünsche ich mir, mich mit ihnen niemals anlegen zu müssen. Kriminalität ist brutal, unschön und zerstörerisch. Sie zieht unangenehme Konsequenzen für alle Beteiligten nach sich.

“Dort wo erzieherisches Wohlwollen und Ermahnung nicht mehr wirken, sollten andere wirkungsvolle Wege eingeschlagen werden. Jean-Francois Drozak versteht sich als Moderator, der den Dialog zwischen den Jugendlichen und Insassen strukturiert. Zwischen den Begegnungen hilft er den Jugendlichen ihre Szenen auszuarbeiten. Die zuvor ausgesuchten Insassen übernehmen gesellschaftliche Verantwortung. Sie zeigen verhaltensauffälligen Jugendlichen mit einem Höchstmaß an Authentizität, wozu delinquentes Verhalten führen kann. Aber zuvor werden sie auf die Begegnungen vorbereitet.

In einer totalen Institution gibt es klare Regeln. Und sicher fühlen sie Häftlinge nur, wenn sie über die Rahmenbedingungen und den Verlauf der Veranstaltungen genauestens unterrichtet werden. Was kann das Motiv eines Insassen sein, sich einer Meute von Jugendlichen auszusetzen und mit ihnen Theater zu spielen? Sie haben den Wunsch etwas wieder gutzumachen. Sie wünschen sich, dass ihre Erfahrungen, wenn schon nicht ihnen selbst, dann zumindest Jüngeren helfen, nicht die gleichen Fehler zu begehen.

„AgroBatic ist kein Zaubermittel“, meint Jean-Francois Drozak. „Das Modul unterstützt Jugendliche darin, ihr Verhalten gegebenenfalls zu verifizieren. Es ersetzt notwendige Beratungsangebote und pädagogische Begleitung nicht. AgroBatic verstärkt allerdings die Wirkung kontinuierlicher und konsequenter Betreuung, auch in der Schweiz.“

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