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acht.acht. am Europakanal – EN

14. November 2009

acht.acht.

Neonazis werben immer dreister um Nachwuchs. Die Realschule am Europakanal in Erlangen zeigt mit einem Theaterstück die aggressiven Methoden – und wie Jugendliche dagegen standhaft bleiben können.

ERLANGEN – Das «Heil Hitler» geht Darline (15) noch etwas schwer über die Lippen. «Es ist schon gewöhnungsbedürftig, den rechten Arm zu heben und rechtsradikale Parolen zu schreien», gibt die Neuntklässlerin der Erlanger Realschule am Europakanal zu. Aber um einen Neonazi glaubhaft darzustellen, darf man nicht zimperlich sein. Die Rechtsextremen sind es, wie das Theaterprojekt «Acht. Acht» sehr realistisch offenlegt, schließlich auch nicht.
Seit Montag proben die Heranwachsenden mit Regisseur Jean-François Drožak das einstündige Stück. Die neun Teenager, die bei einem Casting aus einer großen Zahl von Bewerbern ausgewählt wurden, sind mit Begeisterung und vollem Einsatz bei der Sache – schließlich ist heute Premiere, für die sich sogar der bayerische Innenminister Joachim Herrmann angekündigt hat.

Tatort Pausenhof und Fußballstadion
Die einzelnen Szenen dürften sogar für den Ressortchef von Interesse sein: schildern sie doch, auf welch perfide Weise rechtsradikale Organisationen Kinder und Jugendliche für sich und ihre ausländerfeindliche Ideologie gewinnen wollen. Ob auf dem Pausenhof oder im Fußballstadion: Die Beispiele, die die Schüler auf die Bühne bringen, sind den meisten vertraut.

Im vergangenen Jahr hätten Neonazis in der Nähe seiner Erlanger Schule Rechtsrock gehört sowie CDs und Flugblätter verteilt, erzählt Martin. «Sie wollten, dass wir uns die Songs mal anhören, aber ich bin vorbeigegangen und habe die CD nicht angenommen», sagt der 16-Jährige.

Damit möglichst viele Jugendliche ebenso reagieren, hat der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) Diözesanverband Bamberg mit der Nürnberger Agentur «Kunstdünger» das Projekt ins Leben gerufen. Zwölfmal sollen Schüler die Produktion an Bildungseinrichtungen in der gesamten Diözese umsetzen, immer mit Hilfe des jungen Regisseurs Drožak.

Einen Schwerpunkt bildet dabei das von Neonazis besonders ins Visier genommene Oberfranken. «Wir wollen dorthin gehen, wo auch die Rechtsradikalen sind», erläutert der BDKJ-Beauftragte Michael Albrecht.

Die Aufführung in Gräfenberg (Kreis Forchheim) im Oktober 2008 zeigt noch immer Wirkung: Die Ritter-Wirnt-Realschule hat sich jetzt der europäischen Jugendbewegung «Schule ohne Rassismus» angeschlossen, lobt Albrecht. Dennoch aber verteilten erst vor kurzem Neonazis erneut Flugblätter vor dem dortigen Schulzentrum.

Die Hartnäckigkeit und Unverfrorenheit, mit der die rechtsradikale Szene in Gräfenberg auftritt, ist dem Rektor der Realschule am Europakanal, Ulrich Knoll, nicht fremd – immerhin war er vorher als Schulleiter in Wunsiedel tätig. Die Erfahrung, die er bei den Heß-Aufmärschen gesammelt hat, haben ihn für das Thema Rechtsradikalismus besonders sensibilisiert. «Wir müssen unsere Schüler möglichst gut vor antisemitischem Gedankengut wappnen», sagt er. Das werde jedoch umso schwieriger, je subtiler und psychologisch geschickter rechtsradikale Gruppierungen und freie Kameradschaften agieren würden.

Diese gefährliche Strategie, mit der die Neonazi-Szene Nachwuchs zu rekrutieren versucht, bildet das Stück «Acht. Acht» fast eins zu eins ab. «Die Rechtsextremen wissen, wann sie wie aufzutreten haben», erklärt Spielleiter und Theaterpädagoge Drožak. Aber auch die Politik sei nicht ganz unschuldig, wenn sich Jugendliche mit «besonderen» Freizeitangeboten und Campingwochenenden ködern ließen. «An Jugendeinrichtungen und Clubs wird immer mehr gespart», kritisiert er.

Mit dem Stück – das Jean-François Drožak selbst geschrieben hat – sollen die Jugendlichen dennoch so gut wie möglich davor gewarnt werden, den braunen Rattenfängern auf den Leim zu gehen. Dieser Wunsch liegt dem Theatermacher persönlich sehr am Herzen: Denn seine brasilianischen, polnischen und belgischen Wurzeln haben ihn Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass schon am eigenen Leib spüren lassen. Bisher sei er in Deutschland aber überwiegend positiv aufgenommen worden, sagt Drožak und fügt leise hinzu: «Und ich möchte, dass das so bleibt.»

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