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87 Tage bis nach der WM – Fahrstuhlmannschaft

18. Mai 2014

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Bruna ist Studentin an einer privaten Uni, und fühlt sich zwischen allen Stühlen. Sie ist nicht reich, sie ist nicht arm. Und genau das ist ihr Problem.

Eine Reform hat die Protestbewegung bereits angestoßen. An staatlichen Hochschulen soll eine Quote für benachteiligte Ethnien eingeführt werden. Ohne diese haben indigene Volksgruppen oder Schwarze weniger Bildungschancen. Ihre Situation ist in manchen Teilen des Landes gravierend. In Belem prostituieren sich Studierende aus armen Verhältnissen nachts, um tagsüber an einer Privatuni studieren zu können. Für die Verbesserung der Lebenssituation dieser jungen Menschen gehen die Menschen seit über einem Jahr auf die Straße.


Kein Staat auf dieser Welt wird allen seinen Bürgern eine akademische Kariere ermöglichen können. Doch in welchem Alter der Wettkampf um einen Uni-Abschluss beginnt, fällt unterschiedlich aus. In Bayern beginnt er bereits in der Grundschule, was von vielen Bürgern kritisch gesehen wird. Allerdings kann jeder bayerischer Abiturient davon ausgehen, einen akademischen Beruf später tatsächlich ausüben zu können.
Die Franzosen propagieren einen idealistischeren Weg. Nicht aus beruflichen Gründen wird studiert, sondern um des „Wissens willen“.  Die Bevölkerung genießt einen hohen Bildungsgrad. Überproportioniert viele Franzosen waren an einer Universität.  Viele erlangten dabei allerdings keinen Abschluss.  Französische Studenten wissen selbst nach dem 6. Semester nicht, ob sie zur Masterarbeit zugelassen werden. Ausgesiebt wird in Frankreich über die gesamte Studienzeit hindurch.
Wie  Frankreich fördert auch Brasilien Jugendliche gemeinsam, und bis zum Abitur. Schulpflicht gibt es bis zum 18. Lebensjahr. Sehr viele junge Brasilianer erlangen so das Abitur, doch nur zehn Prozent  werden an einer Universität zugelassen. Die Aufnahmeprüfungen sind schwer.

Bruna (25)  studiert Veterinärmedizin in Porto Alegre. Während andere Studierende in 5 Jahren das Studium beenden können, wird sie vorraussichtlich zehn Jahre dafür benötigen. Sie studiert an einer privaten Universität. Sie kann sich nicht alle Semesterstunden leisten. € 1300.- müsste sie dafür im Monat aufbringen. Mit rund € 350.- wird sie von der Familie unterstützt. Mit einem Halbtagsjob kommen  weitere € 300.- hinzu.  „ In den ersten Semestern hatte ich einen Nebenjob an der Uni. Vormittags saß ich in den Vorlesungen. Bis 20 Uhr arbeitete ich in der Verwaltung. An den Wochenenden lernte ich für die Prüfungen. Glücklicherweise konnte ich nach wenigen  Semestern den Nebenjob aufgegeben. Seither arbeite ich in der Privatklinik meines Freundes“, sagt sie.

Ricardo (33) ist Tierarzt. Beide lernten sich vor zwei Jahren auf einem Semesterfest kennen. Nach seinem Studium gründete er eine eigene Tierklinik: „Als ich Bruna kennenlernte, gingen mir einige Sachen durch den Kopf. Wir waren ineinander verliebt, aber unsere Beziehung hatte auch eine berufliche Perspektive. Also sind wir das Ganze langsam angegangen“.
Heute hat Bruna in seiner Klinik ein reguläres Lohnverhältnis. Nach Beendigung ihres Studiums wollen beide die Klinik gemeinsam führen. Was Bruna anfänglich frustrierte, erweist sich im Nachhinein als Vorteil. Sie baut mit ihrem Partner neben dem Studium eine eigene Klinik auf. Schon während des Studiums erfährt sie den Praxisalltag.  Und nicht zuletzt verdient sie sich damit die anfallenden Studiengebühren.

Studienplätze an staatlichen Universitäten sind sehr begehrt, weil sie nichts kosten.  Wer keinen bekommt, und es sich wie Bruna halbwegs leisten kann, studiert an einer privaten Universität. Da die Regierung vielen jungen Menschen einen Studienplatz ermöglichen will,  übernimmt sie mit zusätlichen Stipendien die Studiengebühren privater Hochschulen. Bewerben können sich nur diejenigen, die ihr Abitur auf einer staatlichen Schule gemacht haben. Das macht nicht immer Sinn, auch wenn in den meisten Fällen nur wohlhabende Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Diese können sich die Gebühren an den Privatunis eher leisten.

Brunas Eltern können sich die Studiengebühren für ihre Tochter nicht leisten. Sie war zwar auf einer Privatschule in Nova-Hamburg, allerdings unfreiwillig.  Das dortige städtische Schulamt versucht mit einer juristisch fragwürdigen Praxis, der Situation an den überfüllten Schulen Herr zu werden. Ab einer Gehaltsobergrenze wird Eltern „ausdrücklich empfohlen“, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Da Brunas Eltern nur knapp über diese Obergrenze verdienten, viel es ihnen schwer für die Schulgebühren ihrer drei Kinder aufzukommen. Bruna konnte auf Freizeiten nicht mitfahren. Zusätzlichen Nachhilfeunterricht konnten sich die Eltern nicht leisten. Und der Besuch einer Privatschule ist keine Garantie dafür, die Aufnahmeprüfungen an einer staatlichen Universität zu bestehen. Sie fiel durch, hat aber auch keinen Anspruch auf ein Stipendium.

Casia (40) ist Lehrerin an einer staatlichen Schule in St. Maria. „Es ist nicht ausschlaggebend, ob jemand eine Privatschule besucht. Diese sind zwar besser ausgerüstet, die Schülerzahlen niedriger. Lehrkräfte beider Schultypen absolvieren allerdings die gleiche Ausbildung. Sie sind gleichermaßen kompetent. Was zählt, ist der familiäre Hintergrund der Schüler. Kinder sind besser in der Schule, wenn ihre Eltern dahinter sind. Privatschulen punkten zudem mit einer individuelleren Betreuung. Gegen Aufschlag erhalten Schüler bei Bedarf Nachhilfeunterricht, während ihre Eltern gut dotierte Jobs nachgehen.  Arme Familien sind hingegen von der Mitarbeit ihrer Kinder abhängig. Statt daheim zu lernen und Hausaufgaben zu machen, helfen sie im Kleinbetrieb mit. Im Niedriglohnsektor wird bis zu zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Wer hat da noch Kraft und Kapazitäten frei, um seine Kinder zu unterstützen? “.

Casias Gehalt wird vom Bundesstaat Rio Grande do Sul bezahlt. Erst seit 2011 gibt es eine gesetzlich geregelte Einkommenstabelle für verbeamtete Lehrkräfte. Allerdings wird sie von den Aufwandsträgern bis zum heutigen Tag nicht beachtet.  „Jeder zahlt was er will“ meint Casias.
Deshalb machen die Lehrergewerkschaften Druck. Sie beteiligten sich an den Protesten mit  vielen Streiks. Sie fordern die Regierung auf, die neuen gesetzlichen Regelungen endlich umzusetzen.

Bruna ist nicht im Fokus der Protestbewegung. Sie gehört der Mittelschicht an und gillt daher als wohlhabend. Ihre Eltern waren allerdings nicht reich genug, um sie adäquat zu unterstützen. Sie selbst ist  nicht arm genug, um staatliche Förderung zu erfahren. Ein kleiner Trost bleibt ihr, sagt sie: „ich kann mich immerhin auf die WM freuen“.

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