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244 Tage bis nach der WM – Semperer

11. November 2013

 

Die Menschen gehen nicht mehr nur wegen Fahrkartenerhöhungen auf die Straße.  Auch wenn bei manchen nur Feierlaune draufsteht, jeder hat einen eigenen Forderungskatalog mit. 

Brasilien ist eine international operierende Geldmaschine. Einiges von diesem Geld wird für Imagekampagnen ausgegeben. Das nach außen getragene Bild von Brasilien lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Schöne Menschen, ein von Fußball besessenes Land, und Musik im Off-Beat. Beispielsweise wurden vor einiger Zeit die Rolling Stones in Rio de Janeiro  eingeflogen. Fast zwei Million Menschen haben auf Rios  Strandpromenaden auf Kosten der Stadtverwaltung ein Stones-Konzert erleben können. Das Event wurde im ganzen Land beworben, damit Touristen schon eine Wochen vor Beginn des Karnevals in die Stadt kommen.

„Samba ist nicht Rio. Samba ist nicht Bahia. Samba ist nicht die Straße. Samba ist nicht Afrika. Samba ist kein Rhythmus. Samba ist kein Karneval. Samba ist eine große Erfindung.“ Die Musikgruppe Mundo Livre S/A. kritisiert mit eines ihrer Liedtexten die PR-Maschinerie Brasiliens, die Samba in aller Welt touristisch zu vermarkten versucht. Aus der Sicht der Musikgruppe ist Samba mehr als alle PR-Botschaften rund um die Musikrichtung gemeinsam. Samba ist die Erfindung eines Volkes, das gerade wegen seiner  chaotischen Geschichte einen ausdrucksvollen Musikstil geschaffen hat.

Viele junge Menschen wünschen sich eine Politik, die nicht Geld für Events und Schönmalerei ausgibt, sondern für Infrastruktur und mehr Lebensqualität.
Die Erhöhung des Fahrpreises für öffentliche Verkehrsmittel in Sao-Paulo,  um umgerechnet 7 Cent, scheint das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Die Menschen gingen zunächst auf die Straße, um die Stadtverwaltung zu zwingen die Preiserhöhung zurückzunehmen. Geht es bei den Demonstrationen tatsächlich um große gesellschaftliche Veränderungen oder doch nur um nicht weniger als 7 Cent?

Bruno M. ist Musikstudent und lebt in Sao-Paulo. Er holt uns bei unserer Ankunft aus Deutschland am Flughafen ab. Wir dürfen bei ihm ein paar Tage wohnen. Er erzählt auf der langen Fahrt zu seiner WG,  dass er auf einige der Demonstrationen war. Ich will von ihm wissen, wie alles begann und welche Auswirkungen die Demonstrationen haben.
Er hat einen Maiskuchen dabei, wegen der langen Fahrt. Lang ist die Fahrt nicht wegen der Entfernung, sondern wegen den vielen Staus. Manche Menschen brauchen 4 Stunden um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu kommen. Der Weg zur Arbeit nimmt einen großen Teil des Tages  in Anspruch, für viele sogar bis zu 8 Stunden pro Tag.

Zuerst gingen die Menschen wegen der Fahrkartenerhöhung auf die Straße, erklärt uns Bruno. Bald aber brachten sich Gruppierungen mit ein, denen die „7 Cent-Forderung“ zu wenig war. Sowohl Schulen als auch die medizinische Grundversorgung werden in Brasilien über Steuergelder finanziert. Warum sollten die öffentlichen Verkehrsmittel nicht ebenfalls kostenlos sein? Und weitere Forderungen wurden laut. Der Kampf gegen Korruption und Kriminalität bis hin zu ökologische Themen standen nun auf Transparenten, und in den sozialen Netzwerken. Jeder ging für das was ihm wichtig und richtig war auf die Straße.

Bruno betreut neben seinem Studium gemeinsam mit seiner Freundin Anna Flüchtlinge aus dem Kongo. Beide kommen aus Familien mit hohem Bildungsniveau. Sie engagieren sich für eine sozialere Gesellschaft. Beide sind wie viele junge gebildete Menschen in Sao-Paulo Vegetarier. Die Ökobewegung in Brasilien formiert sich.

Anna ist für die nächsten Monate auf Kostarika. Sie untersucht im Rahmen einer groß angelegten Studie, welche Nachwirkungen die Militärdiktaturen Südamerikas noch heute auf die Bevölkerung haben.

Einige Tage später gibt Bruno gemeinsam mit seiner Sambagruppe ein Konzert. Er lädt seine Freunde in einem kleinen Tanzsaal in Pinheiros ein, einem Stadtteil von Sao-Paulo. Erik ist auch da. Er kann einen Unterschied zwischen den Demonstrationen in Sao-Paulo und Rio de Janeiro feststellen.

In Rio werden die Demonstrationen von der gesamten Bevölkerung mitgetragen. Einzelne Berufsgruppen rufen dort zu Protesten auf, mit klaren und konkreten Forderungen. Und jeder macht mit.

In Sao-Paulo werden die Demonstrationen mehr oder weniger von der Mittelschicht organisiert und durchgeführt. Es ist sozusagen ein Milieu-Phänomen mit einem nicht endenden Forderungskatalog. Er bemängelt, dass viele Studenten die Demonstrationen als Spaßfaktor ausnutzen. Auch in den nächsten Monaten wird jeder eine Straße in Sao-Paulo aus „politischen Gründen“ blockieren können, mit Bier und einer Musikanlage im Handgepäck. Man trifft sich eben nicht mehr in der Bar oder vor der Bar, sondern auf der Straße vor der Bar.

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