Nordkurve - AktuellVIVA statt FIFA
216 Tage bis nach der WM – Übersteiger

10. Dezember 2013

 

images

In Brasilien werden Tatsachen geschaffen, und erst dann verhandelt.

Ob wir es schon wissen:  „Das neue Stadion in Sao-Paulo sei noch vor der WM in sich zusammengebrochen.“  Diese und ähnliche Meldungen erreichten uns aus Deutschland vor wenigen Tagen. Natürlich haben wir beim Kioskbesitzer nebenan gleich nachgefragt. Eduardo (56) kam gleich in Fahrt. Er glaubt nämlich nicht, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden: „Es ist leichter aus einem brasilianischen Gefängnis herauszukommen, als herein“.

Nach genaueren Recherchen erfuhren wir, dass das  Itaquerão-Stadion nicht in sich zusammengebrochen ist. Nur ein Baukran kippte um. Dabei starben allerdings zwei Bauarbeiter. Obwohl nach bisherigem Stand der Ermittlungen es sich hier nicht um „Pfusch am Bau“ zu handeln scheint, reagierten sowohl Medien als auch Bürger misstrauisch. Woher kommt der Reflex, hinter  jedem Unfall, ein Fall für die brasilianische Staatsanwaltschaft zu wittern?


Eduardo verkauft an seinem Kiosk auch Gebrauchtbücher. In seiner Auslage sind Romane von De Beauvoir bis hin zu Kioskliteratur: „Allerdings kaufen bei mir die meisten Kunden  Bücher für die Busfahrt, oder für dem Gang auf´ s Klosett“. Er trinkt Matetee, das Traditionsgetränkt im Bundesstaat St. Catharina. Seine Vorfahren kommen aus Deutschland. Er meint, dass für viele Brasilianer Deutschland ein Vorbild ist. Nach der Militärdiktatur hat sich Brasilien eine neue Verfassung gegeben, und sich dabei an die deutsche Gesetzgebung orientiert. Praktisch alle deutschen Gesetzbücher wurden übernommen und adaptiert.  Ein deutscher Jurist hat es leicht, sich in die brasilianische Gesetzgebung zurechtzufinden. „Wir haben gute Gesetze, doch hapert es in der konsequenten Handhabung dieser“, sagt Eduardo.

Bei den Ermittlungen rund um den Bauunfall wurde auch bekannt, dass Corinthians  und  das Bauunternehmen Odebrecht ohne Absprache mit den zuständigen Ämtern, erhebliche  Änderungen am genehmigten Bauantrag vorgenommen hatten. Illegal ist der Bau des Stadions zwar nicht, wie einige Zeitungen es formulierten. Doch scheint der genehmigte Bauantrag seitens der Bauherren  trotzdem nur für die Schublade gedacht worden zu sein. „Wir wollten die Behörden nach Beendigung des Bauvorhabens vor vollendeten Tatsachen stellen“, meinten die Verantwortlichen.

Dieses Vorgehen ist üblich, nicht nur bei Großprojekten. In Brasilien gibt es unzählige Naturschutzgebiete. Nur auf bereits bebautem Grund darf dort weiterhin gebaut werden. Trotzdem ist es üblich, auf unbebautem Grund unerlaubt Ferienhäuser zu errichten. Mit etwas Geschick bekommt man nachträglich einen Grundbucheintrag. Ab dann gilt auch für diesen eigentlich illegalen Baugrund Bestandsschutz.  „Wer die Möglichkeit sieht vollendete Tatsachen zu schaffen, der tut dies auch im Allgemeinen. Egal ob reich oder arm. Noch gibt es keine Verordnungen die dem Staat erlaubt, ein illegal errichtetes Haus abzureißen. Bis es soweit ist, werden Tatsachen geschaffen.“, sagt Eduardo.

Carlos Cazalis dokumentiert in seinem Fotoband „Occupy São Paulo“,  die Lebens- und Wohnsituation Sao-Paulos. Dafür erhielt er 2008 den renommierten World Press Photo Award. Seine Publikation hält nicht nur den Kontrast zwischen den ärmsten der Ärmsten und den Megareichen der Stadt fest. Cazalis vermittelt die vielen Abstufungen dazwischen.  Die Ärmsten leben und schlafen auf der Straße. Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind sie immer mehr zum festen Bestandteil des Stadtbildes geworden. Die aktiveren Ärmsten  besetzen unbenutzte Gebäude, und wohnen darin illegal. Sie werden in regelmäßigen Abständen von der Polizei vertrieben, und suchen sich eine andere stillgelegte Immobilie.  Nach Angaben von Cazalis stehen in Sao-Paulo rund 400.000 Gebäude  leer.  Die Ärmeren unter den Ärmsten bauen Baracken an unwirtlichen Orten. Es entstehen Favelas. Diese illegalen Stadtteile wandeln sich im besten Fall zu legalen Quartieren.  Wer für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann, der lebt in einer besser situierten Gegend im eigenen Reihenhaus.  Wohlhabende leben lieber in einem bewachten Hochhaus. Wer Geld besitzt, hat Angst. Daher residieren reiche Paulistas in abgeschotteten Arealen. Von außen sind sie mit Militärbasen vergleichbar, von innen mit Hotelanlagen.

Es wurde schon viel über das Phänomen Favela geschrieben, geforscht, gedreht. Filme wie „City of God“ zeigen ihre verrohte Wirklichkeit. Im Niemandsland entstehen aber auch eigene von den Bewohnern ausgehandelte Gesetze und Formen des Miteinanders. Favelas entstehen aus der Not, nämlich dann wenn kein anderer Weg möglich erscheint. Not macht erfinderisch. Ihre Bewohner erfinden ihren Alltag immer wieder vom Neuen. Sie erhalten zwar ungenügend formelle Schulbildung, aber dafür umso mehr informelle. Sie sind kreativ, und von niemand beachtet. Das interessiert Globalisierungsgegner. Manch einer behauptet frech, dass Favelas zukünftig zu den wenigen globalisierungsresistenten Orten dieser Welt gehören werden. In Favelas könnten in naher Zukunft Gegenentwürfe zu einer global dominierten Lebensgestaltung entwickelt werden.  Ihre Bewohner müssten allerdings das Potential ihrer Lebenswelt für sich entdecken. Dazu gehöre es aber auch, die von außen an sie herangetragenen Stigmatisierungen abzulegen.

Brasilianer stellen vor vollendeten Tatsachen. Brasiliens Hauptstadt Brasilia wurde vor gut 60 Jahren am Reissbrett geplant, und „mitten im Dschungel aus dem Nichts tatsächlich“. Reiche bauen illegale Ferienhäuser in Nationalparks. Landlose leben in der Illegalität, bis diese in neu entstehenden Stadtteilen münden. Ein neues Stadion wird geplant, genehmigt, aber auch ohne Absprache mit den Ämtern überdacht. „Sao-Paulo hat bald ein neues illegales Stadion“, sagen die einen. Die anderen  freuen sich darüber, dass der Zeitplan bis zur WM einigermaßen eingehalten werden kann.
Doch was ist am Image Brasiliens dran, nur halbwegs taugliche Straßen und Bauwerke zustande zu bringen?  Ist Brasilien doch nicht entwickelt genug, um eine WM adäquat austragen zu können? Sind die Behörden fähig, die Sicherheit von öffentlichen Neubauten bei ihrer Abnahme zu überprüfen?  Diese Fragen schwingen in der Medienberichterstattung rund um den tragischen Kranunfall in Sao-Paulo mit.

Robert (58) arbeitet seit über 20 Jahre für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Er war viele Jahre in Südamerika tätig, auch in Südbrasilien. Von der Entwicklung des Landes  ist er enttäuscht: „Brasilien hätte großes Potential. Lula hat keine nachhaltigen Reformen durchgeführt. Die wenigen Verbesserungen hat er seinem Volk gut verkauft. Wenn in Brasilien sich wirklich was ganz Grundlegendes geändert hat, so ist es der Protest. Die Massendemonstrationen der letzten Monate sind etwas Neuartiges. Endlich gehen die Menschen für ihre eigenen Belange auf die Straße.“

Die GIZ engagiert sich in Brasilien nur noch mit wenigen, ausgewählten Projekten. Das Land gilt als Fortschrittlich, im Gegensatz zu vielen anderen Schwellenländern. Unterstützt werden in Brasilien vorwiegend Maßnahmen im Umweltschutz.
Robert organisierte  Exkursionen für Mitarbeiter kooperierender Institutionen.  „Florianopolis gilt im  Umweltschutz, aber auch  in der Stadt- und Landschaftsplanung als vorbildlich. Deswegen haben wir uns die Arbeit der Stadtverwaltung immer wieder mit unseren Partnern angesehen.  Gesetze und Verordnungen werden in Florianopolis konsequent eingehalten.“

Heute ist Robert für die GIZ  in Zentralasien tätig. Zu seinen Aufgaben gehört es unter anderem, Baumaterialien und Maschinen zu beschaffen:  „Das können Traktoren für die Landwirtschaft sein, oder Heizkörper für Schulen. Die landläufige Meinung ist, dass die Finanzierung eines Projekts die  größte Herausforderung darstellt. Doch mit dem bereitgestellten Budjet beginnen die wirklich schwierigen Aufgaben. Es gibt Länder, die vom chinesischen Markt beherrscht werden.  Man kriegt dort nichts anderes als in China produzierte Ware. Du kannst davon ausgehen, dass ein gekauftes Produkt nach spätestens einem Monat kaputt ist.“
Die GIZ gibt Qualitätsstandards vor, die bei der Beschaffung von Geräten und Baumaterialien eingehalten werden müssen. In vielen Ländern Zentralasiens ist dies nur mit größtem Aufwand und Geduld möglich. „Nicht so in Brasilen“, fügt  Robert hinzu. Das Land produziert selbst. Dort konkurrieren unterschiedliche Firmen untereinander. „Wäre ich in Brasilien, ich hätte keine Probleme für unsere Maßnahmen gute Leute, Baumaterialien und Maschinen von guter Qualität zu erhalten. Ich bin aber nun einmal nicht mehr in Brasilien, ich bin in Zentralasien“.

Im September berichtete die Aargauer Zeitung über die gefährlichsten Straßen der Welt. Zu ihnen gehört aus Sicht der Schweizer Zeitung die BR 116, eine Autobahn zwischen Sao-Paulo und Porto-Alegre. Der Artikel erweckt beim Leser den Eindruck, dass man sich auf dieser Straße auf ein Abenteuer ohne Rückfahrschein einlässt. Man kann allerdings die Strecke auf einer sicheren Mautautobahn entspannt bewältigen. Vielleicht ist dies auch der anstehenden Weltmeisterschaft zu verdanken, denn  Brasilien hat zum Anpfiff viel in die Infrastruktur des Landes investiert.
Wer will kann getrost nach Brasilien zur WM anreisen. Aus den Stadien werden die Fans lebend wieder herauskommen. Die Bauwerke sind quantitativ-qualitativ. Denn wer wie Brasilien eine Hauptstadt mitten im Dschungel aus dem Boden stampfen kann, bekommt sicher auch ein paar läppische Fußballstadien termingerecht hin. Die Schweizer Presse sollte hingegen ihre Meinung überdenken, und mit eigenen Journalisten die Strecke befahren. Und wenn keiner aus der Redaktion sich dafür finden lässt, macht Niki Lauda sicher den Anfang.

Dieser Beitrag wurde unter Nordkurve - Aktuell, VIVA statt FIFA veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.