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192 Tage bis nach der WM – Abstauber

3. Januar 2014

Das WM-Merchandising wird sich auch für sie lohnen.

Vor der Meisterschaft ist nach der Meisterschaft. Während die WM noch ansteht, haben PAN-Amerikas Weihnachtsmänner ihren Titel bereits ausgefochten. Austragungsort der Rotkappen war Gramado, die südlichste Weihnachtshauptstadt der Welt. Einmal im Jahr treffen sich Weihnachtsmänner zu einer Internationalen Begegnung in der Stadt. Neben vielen anderen wichtigen Themen wird auch Fußball gespielt.

Gramado ist nicht nur Anziehungspunkt für Weihnachtsfetischisten. Ab Dezember haben Brasiliens Kinder zwei Monate Sommerferien. Im  Hochsommer, der Vorweihnachtszeit, kann kaum noch in den Schulen  unterrichtet werden. Die Temperaturen steigen in vielen Teilen des Landes auf bis zu 40 Grad. Es macht daher Sinn den Unterricht in kühleren Jahreszeiten abzuhalten, und den Kindern im Hochsommer freizugeben. Wer es sich leisten kann, verreist mit seinen Kindern während dieser Zeit. Wer arbeiten muss, schickt seine Kinder zu den Großeltern. Für Rentner ist das eine gute Abwechslung im Alltag. Sie gehen mit ihren Enkeln auf Verwöhnungstour.

Die Stadt hat viele Attraktionen für Jung und Alt, sei es der Santa-Claus Park oder das Hollywood-Dream-Car Museum. Gramados Flair ist nur schwer beschreibbar. Der Vergleich mit der Ästhetik eines Walt-Disney Parks hinkt ein wenig. Es ähnelt Garmisch-Partenkirchens Hotelpalisaden und Bauerngarnitur-Fassaden, allerdings in verschachtelter Leichtholzvariante. Die für Brasiliens Städte unübliche Grünanlagendichte bietet einen für europäische Augen ungewohnten Anblick. Zwischen dunklen Nadelbaumalleen blühen Orchideen und Oleander. Die Weihnachtsdekoration übertrifft diesen Italo-Finnland Mix um Weites. Man sitzt auf florentinisch anmutenden Plätzen bei vorzüglichem Eiscafé  und schaut auf schneebedeckte, mit Lichterketten verhängte Tannen. Bei einmaligen Degustatioswettbewerben hätten Experten ihre Freude daran, mit bloßen Augenmaß Gewicht, Temperatur, Konsistenz, Gleitfähigkeit, CO2-Gehalt , Fallgeschwindigkeit und Standort der Schneeimitationen zu bestimmen.

Die Einwohner lassen sich immer wieder etwas  Neues einfallen, um den weihnachtlichen Unterhaltungswert zu steigern. Betreiber und nicht Einwohner müsste man sie eigentlich nennen, denn sie wissen ihre Kleinstadt zu vermarkten. Früher oder später landet jeder in der Shopping- und Fressmeile, die den Kern der Weihnachtsstadt ausmacht. Ganze Straßenzüge sind bierzeltähnlich überdacht, und verbreiten süddeutsche Bierkellerstimmung im Hochparterre. Alles was nach Bergland anmutet, wird auf der Speisekarte angeboten. Wer es auf die Spitze treiben will, bestellt ein Mehrgänge Hochland-Fondue. Zur Vorspeise gibt es Käsefondue, als Hauptgang Fleischfondue. Und als Nachspeise, wie sollte es anders sein: Schokoladenfondue.

In den Schokoladenmanufakturen Gramados zücken Brasiliens Großmütter märchenhaft ihre Kreditkarten, während ihre Enkelkinder mit Weidenkörben die Regale abräumen. Während die europäische Schokoladenindustrie unzählige Geschmacksvariationen lanciert, setzt man in Gramado auf Formvielfalt. Die drei Klassischen sind Grundlage für die sich in den Regalen auftürmenden Schokoladenkunstwerke: Weiß, Vollmilch oder Zartbitter.  Tierminiaturen, Hexenhäuschen und Märchenrequisiten, Schokogusspokale und Fußbälle werden sorgsam als Mitbringsel in Kartons verpackt und in die umliegenden Hotels geliefert.
In den Boutiquen findet sich überwiegend Trachtenmode. Die ehemalige Arbeitskleidung des Gaucho´s wird hier genauso überstilisiert, wie in Bayern der Landsmann in Lederhose. Der Gaucho ist der Pionier Südbrasiliens, ein Cowboy der vor hundert Jahren Rinderherden durch die Lande trieb. Angeblich sind in Gramada die Thermometer 5 Grad tiefer geeicht, ein Verkaufsanreiz für hitzeverwöhnte Nordbrasilianer. Sie sind bei kühlem Wetter anscheinend eher bereit wärmende Lodenmode zu kaufen.

Die Stadt verdankt ihren Namen den saftigen grünen Wiesen. Im 19. Jahrhundert holten  Gauchos in Gramado  Rinderherden ab, und brachten sie nach guter alter Hirtenmanier auch dorthin zurück. Deutsche, portugiesische und italienische Einwanderer hinterließen in der Stadt ihre Spuren: die Portugiesen die Sprache, die Deutschen den Baustil, die Italiener den Wein.

Das war früher. Heute arbeitet  Luca (22) in einem Sportgeschäft in Granada. „Die Kundschaft in unserem Geschäft weißt nicht wohin mit ihrem Geld, während ich mir mit meinem Monatsgehalt keine eigene Wohnung leisten kann. Ich lebe bei meinen Eltern“.  Mit einem Monatsgehalt von € 300.- steht er noch vergleichsweise gut da.  In der gleichen Shoppingmeile befindet sich eine Filiale eines namhaften Sportartikelkonzerns. Hier ist man auf dem WM-Ansturm gut vorbereitet. „Bereits zur Vorweihnachtszeit hatten wir eine große Nachfrage nach Fußbällen und Trikots. Auf alle gekauften WM-Artikel erhält unser Verkaufspersonal 2 % Provision. Wir gehen davon aus, dass jeder Mitarbeiter davon profitieren wird. Das WM-Merchandising wird sich auch für sie lohnen“, verspricht die Filialleitung.

Luca kennt das in Gramado übliche Geschäftsmodell mit Sportartikeln: „Das Verkaufspersonal erhält kein Grundgehalt, sondern arbeitet auf Provision. Nicht der Kunde, sondern der Mitarbeiter steht für eine Beratung Schlange. Am Eingang warten sie auf Kundschaft. Damit sechs Mitarbeiter auf mein Grundgehalt kommen, muss alle zehn Minuten ein Paar Fußballschuhe den Laden verlassen, was der Zeitspanne einer Verkaufsberatung entspricht. Das ist über eine lange Zeitspanne gesehen utopisch und nur zu den Hauptgeschäftszeiten machbar. Die Verkäufer sind nicht ständig ausgelastet und nicht jedes Verkaufsgespräch glückt.“

Gramado hat das Weihnachtsgeschäft wie keine andere Stadt der Welt perfektioniert. Selbst eine Weihnachtsschule bietet Schulungen an, damit die erfolgreiche Geschäftsidee auch in anderen Städten glückt. Gregory (49) ist geprüfter Weihnachtsmann und arbeitet in der Vorweihnachtszeit in einem Shoppingcenter in Pasa Fundo. Seine Ausbildung hat er auf der Weihnachtsschule in Gramado absolviert. In seiner Klasse waren Schüler aus ganz Südamerika. Gemeinsam lernten sie was ein guter Weihnachtsmann ausmacht: „Du musst mit Kindern richtig umgehen können. Du musst situativ einschätzen, wieviel Nähe ein Kind verkraftet. Weinende Kinder kommen beim Kunden nicht gut an. In der Schule lernt man aber auch sich vor laufenden Fernsehkameras weihnachtlich zu benehmen.“

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