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17 Tage bis nach der WM – Heimspiel

27. Juni 2014

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Ein brasilianischer Politikwissenschaftler hoffte mit folgendem Essay die Halbwahrheiten der Anti-Copa Bewegung aufzudecken. Deutsche und englische Medien zerrissen seine Argumentationskette, doch ohne zu wissen wer der eigentliche Urheber war. Denn der brasilianische Sportminister hatte sie in einer „Lightversion“ im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz übernommen. Manche Argumente wirkten dadurch leichtfertig dahergesagt. Hier das eigentliche Essay von Dr. Antonio Lassance:  

Bundesstaaten wie Paraná oder die Stadtverwaltung von Curitiba  haben durch Fehlplanung den Unmut vieler Menschen geschürt.  Das arrogante und elitäre Verhalten der FIFA hat ihres dazu getan.
„Es sind nicht viele Brasilianer, die gegen die WM sind. Sie sind aber laut und erfolgreich.“  Der Politikwissenschaftler Dr. Antonio Lassance behauptet, dass die Hauptursache für die Proteste der letzten Monate auch nicht in der Fehlplanung der WM zu suchen ist. „Die eigentlichen Kritiker der Weltmeisterschaft sind die Macher der „Ani-Copa Kampagne.“, sagt er. Mit populistischen Halbwahrheiten haben sie viele Menschen auf ihre Seite gezogen. Ihre Strategie: Desinformation und Halbwahrheiten. Ihr Ziel: Panikmache und Unmut.

Der gesunde Menschenverstand ist die beste Waffe gegen Populismus: „Eine unangenehme Stimmung breitet sich aus. Zum ersten Mal in der brasilianischen Sportgeschichte steht das Land nicht gemeinsam hinter ihrer Nationalmannschaft. Doch nach Unmut kommt der Fall. Und nach dem Fall die Traurigkeit. Für unsere Volksseele ist der Fußball mindestens genauso wichtig wie der Karneval. Was uns verbindet? Fußball, Samba, und ein kollektiver ´Straßenköter-Komplex´. Wir Brasilianer neigen dazu unser Land schlecht zu reden. Wir glauben Dauerverlierer zu sein. Was uns da heraus helfen kann: unser Verstand. Man sollte der populistischen Desinformationsstrategie der Anti-Copa Kampagne misstrauen.“

Dr. Antonio Lassance und die Desinformation der Anti-Copa Kampagne:

Desinformation 1: Die Stadien sind das Teuerste an der WM!
„Ich kenne niemand der über die WM-Ausgaben spricht, und die tatsächlichen Zahlen kennt. 26 Billionen reais wird sie kosten (circa 8 Milliarden Euros). Viele behaupten, dass der größte Teil der Kosten durch den Bau der Sportstätten entstehen werden. Es sind aber nur ein Drittel der Gesamtausgaben. Zwei Drittel  fließen in Personalschulung, Infrastruktur und weitere damit verbundene Dienstleistungen. Die Renovierungsarbeiten an den Flughäfen kosten mehr als die Stadien. Sie werden von privater Hand zu 40 % mitgetragen.“

Desinformation 2: Die WM hat für die Regierung höchste Priorität!
„Die WM wird zum Symbol für die Missstände im Land erhoben. Vergessen wird aber dabei, dass durch die WM 24 Tausend neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Sicherlich hätte man die 8 Milliarden auch für andere notwendige Aufgaben ausgeben können. Aber was kann man mit 8 Milliarden tatsächlich in einem so großen Land wie Brasilien verändern? Das sind Peanuts! In den letzten Jahren wurde der Haushalt für Gesundheit und Bildung stetig erhöht. Niemand kann also behaupten, dass dort wegen der WM eingespart wurde. Wer sich wirklich für Bildung und Gesundheit engagieren will, der sollte nicht gegen die WM auf die Straße gehen. Besser wäre es für die Einhaltung der Mindestlöhne für Lehrkräfte zu demonstrieren, und für eine progressive Haushaltsplanung im Gesundheitswesen. Wer Korruption bekämpfen will, sollte eine Justizreform fordern. Stattdessen treten zahlreiche WM-Protestler Autoscheiben ein, oder plündern Geschäfte. Was hat das mit Gesundheit und Bildung zu tun?

Was ist mit Brasiliens Kulturdenkmälern? Sind sie etwa auch Denkmäler der Ungerechtigkeit, nur weil sie viel Geld verschlungen haben?  Niemeyers Bauten und Brasilia etwa? Oder die Kirchen in Ouro Preto? Oder die Christus Statue in Rio? Die WM ist natürlich nicht so wichtig, wie der Bau unserer Hauptstadt es gewesen ist.  Die WM führt aber Menschen aus aller Herren Ländern zusammen. Ist diese Begegnung nicht wertvoll? Stadien haben nur eine einzige Aufgabe: Menschen zusammenzuführen.“

Desinformation 3: Brasilien wird sich blamieren!
„1950 hat Brasilien unter schlechtere Rahmenbedingungen als heute eine wunderbare WM ausgerichtet. Warum sollte das in diesem Jahr anders sein? Das damals größte Stadion der Welt „Maracanã“  wurde nur wenige Tage vor WM-Beginn fertiggestellt. Der brasilianische Autor Henfil wurde auf seiner Reise durch China 1977 immer wieder mit dem einzigen brasilianischen Wort begrüßt, das man dort kannte: Pelé.
Brasilien hat im letzten Jahr den Confederations-Cup erfolgreich ausgerichtet. Während des Weltjugendtages im letzten Jahr waren in manchen Städten Brasiliens mehr Menschen versammelt, als sie zur WM sein werden.

Es wird in Brasilien nicht mehr Ärger geben, als 1972 in München oder im letzten Jahr während des Marathons in New-York. Nicht mehr, als durch die rassistischen Übergriffe in Frankreichs oder Englands Stadien. Niemand wird bei uns mit Bananen auf Spieler werfen. Es wird nicht mehr Ärger geben, als durch die Menschenrechtsverletzungen in Russland oder China.  Und es wird auch keinen Ärger wegen Demonstranten geben, solange die Gouverneure der jeweiligen Bundesstaaten den Einsatz von Pfeffersprays und Gummigeschosse nicht genehmigen.

Natürlich wird die WM Probleme mit sich bringen. Sie kommen jeden Tag vor. Warum sollte das bei der WM nicht anders sein? Die Frage muss also eher lauten: `Wie wollen wir mit diesen Problemen umgehen, auch wenn wir sie nicht vermeiden können?“

Desinformation 4: Ausländer haben Angst unser Land zu betreten!
„Die Tourismusbranche wuchs 2013 um 5,6%. 6 Millionen Touristen werden 2014 erwartet. Zur WM kommt noch eine weitere eine halbe Million hinzu. Lonely Planet erklärte Brasilien zum `Besten Reiseland 2014`: Wegen der WM!“

Desinformation 5: Die WM lenkt vor den wahren Problemen des Landes ab!
„Brasiliens Probleme sind nicht durch den Fußball entstanden, und werden auch nicht durch den Fußball gelöst werden können. Der brasilianische Fußball braucht die WM nicht. Die meisten brasilianischen Fußballfans werden die Stadien nicht betreten, um sich abzulenken. Sie werden sich die Spiele von Zuhause aus ansehen, wie die meisten Zuschauer auf dieser Welt.“

Desinformation 6: Viele Aufgaben werden bis zur WM nicht erledigt sein.
„Das ist wahr. Vieles wird nicht rechtzeitig fertig sein. Aber das ist kein ernstes Problem.“

Dr. Antonio Lassance Fazit:
„Die WM wird von Gesellschaftskritikern benutzt, um Stimmung im Land zu machen. Heute ist es die WM, morgen wird es etwas anderes sein. Und in der Vergangenheit?  2013 behaupteten sie, Brasilien würde am Rande eines elektrischen Blackouts stehen, und einer erneuten Inflation. Die Lebensmittelpreise würden bald rasant steigen. Nichts von dem geschah. Jedes  Jahr kommen weitere Prophetien-Cocktails hinzu, die Angst und Unmut schüren. 2007 war es die angebliche Gelbfieber-Epidemie. Und tatsächlich starben daraufhin mehr Menschen, allerdings an einer Überdosis selbstverabreichter Impfmitteln.  2009 sollte es die Schweinegrippe sein, die Brasilien überfordern sollte.“

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