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5. Februar 2014

Fußball und Politik

Mit Beginn der Militärdiktatur begann bei unseren deutschstämmigen Mitschwestern die Aufarbeitung ihrer Geschichte. Und heute beginnt für uns die Aufarbeitung der brasilianischen Gewaltherrschaft.

„Brasilien – liebe es oder verlasse es“. Dieser Slogan hörte man während der Militärdiktatur in Fußballstadien oft. Nicht ein einfallsreicher Fußballfan hatte ihn erfunden, sondern die Kommunikationsabteilung der damaligen Machthaber. Er ist mehrdeutig. Er richtet sich gegen Mannschaften anderer Nationen, und gegen Regimekritiker im eigenen Land.

Fußball gilt in Deutschland als unpolitisch. Als Philip Lahm kurz vor der EM 2012 die Ukraine kritisierte, war das Land gespalten. Darf ein Fußballer sich im Rahmen einer Meisterschaft zu politischen Themen äußern? Und darf eine Regierung oder ein Staatenbund wie die EU den Sport für Staatsinteressen instrumentalisieren?

König Fußball war dem brasilianischen Militärregime für eigene Propagandazwecke nur recht. Während es dem eigenen Volk immer schlechter erging, fuhr der brasilianische Fußball einen internationalen Sieg nach den anderen ein. Man sagt Pelé nach, dass er sich mit Diktator Médici gut verstand. Und Médice wusste sich neben dem Fußballgott gut zu platzieren. Man hätte meinen können,  er wäre sein persönlicher Mentor und Trainer. Pelé´s Nähe zum Gewaltregime wurde ihm immer wieder verziehen. Als er aber vor einem Jahr die Protestbewegung  ermahnte den Fußball nicht als politisches Druckmittel zu missbrauchen, gingen die Meinungen auseinander.

Brasilianische Soziologen haben sich in der Vergangenheit mit dem Phänomen „Futebol“ ausführlich befasst. Einige sehen den Massensport als Opium für das Volk. Der Stadionbesuch lenke Fans von gesellschaftlichen Problemen ab.  Die Mehrheit der Wissenschaftler aber betont die integrierende Kraft des Sports. Fußball bietet dem jungen Land mit seiner Kulturvielfalt eine gemeinsame Identität. Über den Fußball erzähle die Gesellschaft etwas über sich selbst. Fußball ist für Brasilianer von Haus aus wichtiger als Politik. Eine Regierung kann sich höchstens  in ihm sonnen, als Führungsinstrument scheint er ungeeignet.  Fußball ist in Brasilien allgegenwärtig, die Militärdiktatur Vergangenheit.

Schwester Andréa (77) kann sich an diese Zeiten gut erinnern. Sie war beim Putsch um die 20 Jahre alt. Damals war sie Anwärterin für den Orden „Notre Dame“. Sie unterrichtete Grundschulkinder in Pasa Fundo. Militärkolonnen fuhren durch die Stadt. Die jungen Soldaten hatten kein Proviant. Die Bevölkerung musste sie versorgen. Die junge Lehrerin konnte auf dem Schulgebäude nur Wasser und Brot auftreiben: „Die Soldaten aßen brav auf, und fuhren weiter. Solange man sich in politischen Angelegenheiten nicht einmischte, brauchte man nichts zu befürchten. Nur die Intellektuellen in unserem und anderen Orden waren in Gefahr. Manche von ihnen mussten auch bald das Land verlassen, weil sie das Militärregime öffentlich kritisierten oder sogar gegen sie agierten.“

Der Orden unterhält in Pasa Fundo neben sozialen Einrichtungen eine Privatschule für Mädchen, ein Hotel und einen landwirtschaftlichen Betrieb. Der Erlös wird für caritative Zwecke verwendet. Auf diese Art funktioniert das Engagement der Schwestern  seit vielen Jahrzehnten, unabhängig von staatlichen Subventionen. Auch dem Militärregime war es damals nur recht, wenn sich die Kirche caritativ engagierte.

1923 gründeten 9 Ordensschwestern aus Deutschland das Kloster in Pasa Fundo. Wenige Jahre später nahmen sie zahlreiche geflüchtete Schwestern aus dem Nationalsozialistischen Deutschland auf. Diese litten sehr, aber verheimlichten ihren brasilianischen Mitschwestern den eigentlichen Grund ihrer Auswanderung. Mit dem  Militärputsch brach in vielen der deutschen Schwestern die  frühere Flucht- und Gewalterfahrung wieder auf.  „Bis dahin hatten sie darüber geschwiegen, welcher Schmerz und welche Sorgen sie über viele Jahre geplagt hatte. Sie schämten sich für das, was der jüdischen Bevölkerung in Deutschland angetan worden war. Mit Beginn der Militärdiktatur begann bei unseren deutschstämmigen Mitschwestern die Aufarbeitung ihrer Geschichte. Und heute beginnt für uns die Aufarbeitung der brasilianischen Gewaltherrschaft.“, sagt Schwester Andréa.

Joana (31) ist Kunsthistorikerin und arbeitet am Museu Historico Regional in Pasa Fundo. Derzeit überarbeitet sie die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte. Diese zeigt Gegenstände aus der Zeit vor der „Entdeckung Brasiliens“, bis hin zur Industrialisierung. Zu sehen sind Werkzeuge, Kunstgefäße von indigenen Stämmen, oder einen gynäkologischen Behandlungsstuhl aus den dreißiger Jahren.
Die Kunsthistorikerin wählt Stücke aus, die das Leben der unterschiedlichen Epochen selbstbeschreibend vermitteln. Sie hofft die Ausstellung bald um die Zeit der Militärdiktatur ergänzen zu können: „Es gibt zwar ein kollektives Bewusstsein über diese Zeit. Ein Museum kann allerdings nur Inhalte vermitteln, die wissenschaftlich belegt sind. Um eine Ausstellung ausarbeiten zu können, benötigen wir Forschungsergebnisse zur brasilianischen Diktatur. Deshalb begrüße ich die 2012 vom Kongress eingesetzte Wahrheitskommission. Das ist ein Anfang.“

Fast dreißig Jahre nach Beendigung der Militärdiktatur beginnt die Aufarbeitung auf Staatsebene. Vorbild ist das südafrikanische Modell, das auf Versöhnung abzielt. Die Wahrheitskommission (CNV) soll bis Mai 2014 ihren Bericht verfassen. Sie  setzt sich aus sieben von Präsidentin Dilma Rousseff ernannten Mitgliedern zusammen. Die CNV hat die Aufgabe, die Fälle von Folter, Mord und Beseitigung von Leichen aufzuklären.  Rousseff hat Bundespräsident Joachim Gauck um Unterstützung gebeten. Die Kommission erhofft sich aus deutschen Archiven wichtige Informationen zu erhalten. Gauck sagte der Präsidentin die erwünschte Hilfe zu.

„Nicht jeder in unserem Land ist an eine Aufarbeitung interessiert“, sagt Joana. „Das Militär arbeitet gegen die Kommission, damit unangenehme Wahrheiten nicht ans Licht kommen.  Viele der Dokumente die Menschenrechtsverletzungen hätten belegen können, wurden kurz nach der Diktatur vernichtet.“

Maria Rita Kehl ist Mitglied der Wahrheitskommission. Sie drückte während einer Gedenkveranstaltung ihren Unmut darüber aus, aber auch die Bedeutung der Aufarbeitung für die Zukunft Brasiliens: „Selbst in der Demokratie sind uns von der Wahrheitskommission die Geheimarchive weiterhin verschlossen. Die Streitkräfte Brasiliens sind nicht gerade hilfsbereit. Dort sagt jetzt niemand, ja, wir öffnen euch jetzt die Geheimarchive. Es ist sehr kompliziert. Die fehlende Wahrheit über die tatsächlichen Vorgänge während des Militärregimes öffnet den Weg für eine Wiederholung der Menschenrechtsverletzungen von damals.”

Die Diktatur ist längst Vergangenheit, doch Menschenrechtsverletzungen geschehen auch weiterhin bei Verhören auf Polizeirevieren, und in den Gefängnissen. Amnesty International berichtet, dass in Brasilien pro Jahr über 1000 Menschen durch Polizisten getötet werden. Nach offiziellen Angaben handelt es sich um „Tötungen nach Widerstand“. Die Polizei setzt zudem verstärkt Panzerfahrzeuge ein, um Drogenbanden aus  Stadtteilen zu verdrängen. Bei diesen Einsätzen schossen laut Amnesty immer wieder Einsatzkräfte wahllos um sich, und töteten dabei auch unschuldige Passanten.

2011 wurde der Menschenrechtsaktivist Sebastião Bezerra da Silva tot aufgefunden. Laut der Konrad Adenauer Stiftung wies seine Leiche Spuren von Folter auf. Bezerra leitete in Cristalândia ein von der  katholischen Kirche gegründetes Menschenrechtszentrum. Seine wichtigste Aufgabe war die Bildung und Sensibilisierung der Bürger Nordbrasiliens für ihre Menschenrechte, vor allem im Kampf gegen sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse. Feindseligkeit zu ertragen gehörte zu seinem Arbeitsalltag. Bezerra musste sich mit von durch Polizeibeamten begangenen Verbrechen beschäftigen. In mehreren Fällen ging das Menschenrechtszentrum gegen solche Fälle juristisch vor. Es erreichte gerichtliche Verurteilungen solcher Polizisten.

„Brasilien. Liebes es, oder verlasse es.“
Viele beurteilen auch heute noch die Militärdiktatur als gemäßigt. Und wahrscheinlich wurden in Brasilien  weniger Menschenrechtsverletzungen begangen als in anderen Diktaturen Südamerikas. Das Militär ging nicht gegen die Gesamtbevölkerung vor, sondern gezielt gegen Einzelpersonen und Gruppierungen. Allerdings behandelte es seine Gegner genauso grausam wie Chile oder Argentinien.  Selbst kritische  Bürger der Mittel- und Oberschicht waren vor Folter nicht sicher. Viele Künstler verließen das Land. Andere begannen ihre Kritik subtil in ihren Werken einzuflechten. Songs aus dieser Zeit sind außen herzlich, innen rebellisch. Während andernorts der Punk die Welt zu provozieren begann, artikulierten sich der Bosa-Nova und die „musica popular brasileria“ poetisch verspielt.

Die bleierne Jahre
1968 gab es in den Großstädten zahlreiche von den Gewerkschaften organisierte Streiks und Studentenproteste. Hunderttausend Menschen demonstrierten in Sao-Paulo auch gegen Polizeigewalt. Daraufhin wurden Demonstrationen grundsätzlich verboten. Um diese Zeit ging es mit der Wirtschaft des Landes aufwärts. Vielleicht sah die Bevölkerung über die drastischen Repressionen des Regimes daher hinweg.

Ab den 70´er Jahren stieg jedoch die Staatsverschuldung des Landes rasant an. Das sogenannte „milagre econômico brasileiro“ basierte ab nun auf falschen Zahlen. Es  begünstigte Konzerne, während der Mittelstand davon nicht profitierte.
Dazu kamen 1974 die Repressionen der  „anos de chumbo“, die bleierne Jahre. Jedes Abweichen von der offiziellen Linie wurde als Verrat am Vaterland eingestuft und nicht toleriert. Schwester Andrea berichtet beispielsweise, dass  Einwanderern bei Androhung von Gefängnisstrafe verboten wurde, die Sprache ihres Herkunftslandes in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Dennoch wurde der Bevölkerung mittels Propaganda suggeriert, Brasilien sei ein Land des Fortschritts. Der Slogan „Brasilien – liebe es, oder verlasse es“  der Regierung Médici veranschaulicht dies.  Plaketten mit diesem oder ähnlichen Slogan wurden an die Bevölkerung verteilt, und waren an vielen Autos aufgeklebt. Nach ihrer Entlassung aus den Gefängnissen erklärten politische Gefangene im Fernsehen, gut behandelt worden zu sein. Jeder wusste warum sie das sagten. Pelé sang die brasilianische Nationalhymne in Talkshows. Vor ausländischen Journalisten behauptete er, dass es in Brasilien keine Diktatur gäbe. Niemand verstand, warum er so etwas behauptete.

Pelé verhielt sich öffentlich konform. Über mögliche Absprachen zwischen ihm und dem Regime  kann bisher nur spekuliert werden. Tatsache ist, dass der brasilianische Geheimdienst auch über ihn eine Akte führte. Er wurde beobachtet, wie andere Persönlichkeiten des öffentlichen Leben auch.

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