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Zwei Familien zeigen, wie Versöhnung gelingt – NZ

10. Juni 2019

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Da steht er nun in diesem Hinterhof. In einer fremden Stadt, in einem fremden Land. Es ist ein heißer Tag imJuli 2017. Seit Jahren kreisen seine Gedanken um ein Haus in Nürnberg. Volprechtstraße 21 lautet die Adresse, vor nicht allzu langer Zeit hat er sie in alten Unterlagen entdeckt. Alain Jesuan, Arzt aus Brüssel, überwindet seine Angst vor  Zurückweisung und klingelt. An seiner Seite seine Frau Claire. So hat eine Geschichte ihren Anfang genommen, die zum Glück kein jähes Ende fand. Eine junge Frau macht die Tür auf und bittet die Fremden herein.


Alain Jesuran begegnet im Haus seiner Vorfahren Menschen, die ihn mit offenen Armen empfangen. Es ist ihnen wichtig zu erfahren, wem einst das Gebäude gehörte, das jetzt ihr Zuhause ist. Volprechtstraße 21 – so lautet heute die Adresse von Johanna Zwinscher und Jean-François Drozak.
Mit ihren beiden Kindern leben sie in dem sanierungsbedürftigen Mehrfamilienhaus in Gostenhof, das sie vor vier Jahren gekauft haben. Volprechtstraße 21: Das war bis zum Jahr 1933 die Adresse der Familie Jesuran. Vater, Mutter, drei Kinder. Im Hinterhof haben die Eltern eine Näherei eingerichtet. Die Zeit des Glücks ist nur von kurzer Dauer. Die Nationalsozialisten reißen die Herrschaft an sich, Deutschlands Juden sind nicht mehr sicher und wachsenden Repressalien ausgesetzt. Der Druck wächst, auch auf die Jesurans, die schließlich das Haus verkaufen müssen. Die Familie emigriert nach Belgien. In Sicherheit ist sie aber auch dort nicht.
Julius wird in Auschwitz ermordet

Alain Jesurans Vater Ismar ist neun Jahre alt, als die Familie Nürnberg verlassen muss. Ein Foto aus dem Jahr 1932 zeigt ihn mit seinen Brüdern, dem kleinen Sigmund und Julius, dem ältesten der drei Geschwister in einem Park in Nürnberg. Eine Erinnerung an glückliche Zeiten. 1940 überfallen die Nationalsozialisten Belgien. Jüdische Familien werden gezwungen, Männer zum „Arbeitseinsatz“ nach Deutschland zu schicken. Julius entscheidet sich zu gehen, damit seine jüngeren Brüder verschont bleiben. Am Bahnhof in Mechelen beginnt seine Reise in den Tod. Der Junge wird in Auschwitz ermordet. Die Familie in Brüssel entkommt, dank Julius’ Hilfe. Mit einer Karte von unterwegs, die jemand fand und weiterleitete, konnte er seine Eltern rechtzeitig warnen.
Die Familie tauchte dann unter. Den Verlust des Sohnes und Bruders können die Überlebenden nicht überwinden. Trauer und Schuldgefühle sind groß. Der Schmerz geht auf die nächste Generation über, auch wenn so gut wie gar nicht über die Vergangenheit gesprochen wird. Alain Jesuran ist 60 Jahre alt. Er will die Geschichte seiner Familie vervollständigen. Möchte sich ein Bild von ihrem Leben in Nürnberg machen. „Ich fühle die Notwendigkeit, der Vergangenheit nachzuspüren. Das ist wichtig für die eigene Identität.“ Er will auch verstehen, was seine Vorfahren beschäftigt hat, was ihren Lebensweg und ihr Verhalten prägte.
Seine Großeltern hat Jesuran nie kennengelernt, sie starben jung, der Kummer hatte sie krank gemacht. Ein altes Foto zeigt die Mutter der drei Jungs, der Tod ihres Sohnes hat sie gezeichnet. Ihr Gesicht ist versteinert, sie wirkt viel älter, als sie in Wahrheit ist.
Auch Isabelle Jesuran-Goldberg, Alains Schwester, ist es ein Anliegen, der Familiengeschichte nachzugehen. Vor allem um Julius’ Willen. Sie möchte, dass sein Andenken gewahrt bleibt. „Er ist immer bei uns“, sagt sie. Ihr Vater Ismet, erzählt sie später, sprach nicht über seinen Bruder. „Er konnte nicht. Er fühlte sich schuldig. Er hatte überlebt, Julius nicht. Damit konnte er nur schwer leben.“
Jean-François Drozak ist glücklich darüber, die Familie Jesuran bei sich zu haben. Kurz vor Weihnachten ist sie angereist – aus Belgien und aus Frankreich. Dort lebt Aviva Jesuran, die Frau des jüngsten der drei Brüder, Sigmund. Er hat erst 1990, nach einem Treffen mit anderen Holocaust Überlebenden, über seine Erinnerungen sprechen können. Seine Frau Aviva Jesuran und seine Tochter Monique Pereloizen sind ebenfalls nach Nürnberg gekommen.
An einer langen Tafel sitzen sie nun zusammen, sehen sich Bilder an, plaudern, tauschen Erfahrungen und Erinnerungen aus. Drozak ist selbst halb Belgier, halb Brasilianer und Deutscher dazu. „Alain ist seinem Herzen gefolgt und hatte den Mut, seinen Spuren nachzugehen. Mich schaudert bei dem Gedanken, wir hätten uns verfehlt.
Zum Glück war Johanna zu Hause!“ Er habe sich schuldig gefühlt, als er davon erfuhr, dass sein Haus einer jüdischen Familie gehört hat, die es auf Druck der Nationalsozialisten verkaufen musste. „Ich habe mich gefragt, welche Verantwortung ich habe. Welche Möglichkeiten der Versöhnung es gibt, drei Generationen später. Was ist unsere Aufgabe und was nicht?“
Schließlich entschließen sich die beiden Familien, die Vergangenheit des Hauses gemeinsam zu erforschen. „Wir sind der Meinung, dass Gostenhof davon erfahren muss“, sagt Jean-François Drozak. Unterstützung leisten dabei Jelena Tocakovic und Alina Steinheimer. Die Elftklässlerinnen besuchen das Dürer-Gymnasium und arbeiten seit Herbst vergangenen Jahres an einer Dokumentation über die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner. Sie begleiten die Jesurans auch bei ihrem Besuch in Nürnberg.

Diana Liberova, SPD-Stadträtin und Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

„Jetzt bin ich hier, um die Geschichte abzuschließen. Ich schließe ab und öffne eine neue Tür, um junge Leute aus Deutschland zu treffen. Das ist sehr wichtig. Wir schreiben eine neue, europäische Geschichte“, sagt Alain Jesuran. Es sei beeindruckend, wie engagiert sich die Schülerinnen der Erinnerungsarbeit annähmen, wie viel Zeit und Energie sie investierten.
Ein sichtbares Zeichen der Erinnerung haben Johanna Zwinscher und Jean-François Drozak an der Fassade des Vorderhauses der Volprechtstraße 21 gesetzt: Sie ließen ein historisches Foto, das die drei Söhne der Jesurans als Kinder zeigt, von einem Graffiti-Künstler auf die Hauswand übertragen. Es soll bleiben, bis es eines Tages von einer Gedenktafel ersetzt wird.
„Das Haus war geduldig“, sagt Jean-François Drozak. „Es hat gewartet, bis die Wahrheit ans Licht kommt.“ Und an seine Gäste gewandt, fügt er hinzu: „Seit ihr hier seid, ist das Haus lichtdurchflutet.“

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