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Politische Aufgüsse – Die Kiezredaktion – Infodienst

17. Oktober 2017

politische aufgüsse

Der klassische Weg in die Redaktionen ist die Pressemitteilung. Wer aber zukünftig junge Menschen, insbesondere mit Migrationsgeschichte, für sein Medium interessieren will, braucht neue Formate, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Der Nürnberger Kulturförderverein Nordkurve e. V., ein ›Laboratorium‹ rund um Kunst und Kommunikation, an dem viele teilhaben und mitwirken, hat mit der »Kiezredaktion« soziokulturelle Ansätze entwickelt, die Veränderungen in die Lokalredaktionen bringen sollen. Es geht in erster Linie darum, junge Leute zu erreichen, die sich in Vereinen oder Jugendverbänden nicht langfristig organisieren wollen und sich selbst nur punktuell engagieren. Im »Showroom«, einem ›zweiten Wohnzimmer im halb-öffentlichen Raum‹ im Nürnberger Künstlerviertel Gostenhof, finden jährlich 30 von Jugendlichen und jungen Erwachsenen geplante und durchgeführte Kiezredaktionen statt. Es gibt zwei Dialogformate: In der umgedrehten Pressekonferenz befragen junge Leute Redakteure zu aktuellen Nürnberger Themen. Im Spannungsfeld zwischen dem Blick der Etablierten und der Lebenswelt der Zielgruppe entstehen oft lebhafte Diskussionen. Beim Speeddating haben junge Leute die Möglichkeit, Journalisten innerhalb von fünf Minuten ihre im kommunalen Kontext selbst erlebte Story zu erzählen. Sie erhalten so die Möglichkeit, am öffentlichen Dialog mitzuwirken. Danach finden Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen statt.

Die Bundestagswahl ist ein guter Anlass, sich Gedanken über das eigene Land zu machen. Eine öffentliche Gelegenheit dazu bietet wiederum die Kiezredaktion. Bereits in der Vorweihnachtszeit kamen Bürgerinnen und Bürger zu Wort und schilderten ihre Vision für Deutschland. »Wahrheit« ist das zentrale Thema des kulturpädagogischen Projekts, bei dem es in jeder Hinsicht heiß hergeht: In einem symbolisch in eine Sauna verwandelten Raum sorgt jeweils ein Redner für die »Politischen Aufgüsse« und gibt eine Antwort auf die Frage: Wie sehe ich Deutschland in zehn Jahren? »Es gab bereits sehr kontroverse Diskussionen«, sagt Jean-François Drozak von der Nordkurve. Mit den Politischen Aufgüssen – sechs folgen noch bis zum Sommer 2017 – will der Verein dazu beitragen, dass sich Nürnberger mit ihren politischen Standpunkten auseinandersetzen. »Jeder von uns muss erst einmal für sich herausfinden, was er für sich und für Deutschland will. Erst dann kann man sich für eine Partei entscheiden«, so der Sozialarbeiter, der an der Jugendkunstschule Unna seine Ausbildung zum Theaterpädagogen absolviert hat. »Von den dort erlernten Methoden profitiere ich im Arbeitsalltag sehr «, erwähnt er ausdrücklich.

Lokalredakteure aus Nürnberg moderieren die Abende. »Für uns war es selbstverständlich, die Aktion mitzutragen. Denn als Journalisten nehmen wir unsere Verantwortung sehr ernst, zur Meinungsbildung beizutragen«, sagt Ella Schindler von der Nürnberger Zeitung. Die Kiezredaktion solle verdeutlichen, welche wichtige Rolle die lokalen Medien mit ihrer differenzierten Berichterstattung für das demokratische Zusammenleben spielen, so die Redakteurin.

Einfache Bürger und ihre vielfältigen Ansichten stehen im Mittelpunkt. Wer in der Nordkurve auftreten darf, bestimmt eine Jugendjury. »Dort sprechen auch viele Menschen aus Einwandererfamilien. Eine Selbstverständlichkeit für eine Stadt wie Nürnberg, in der über 42 Prozent der Bürger eine Migrationsgeschichte haben«, betont Schindler.

Ella Schindler, Redakteurin der Nürnberger Zeitung und Jean-François Drozak, Nordkurve e. V.

Kurz notiert

Die Kiezredaktion wird bis 2018 von der Robert Bosch Stiftung unterstützt. Das Projektteam ist auf der Suche nach einer Folgefinanzierung.

Zum Hintergrund

Der Nordkurve e. V. begann 2012 damit, die Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete zu reflektieren und Projekte im öffentlichen Raum zu initiieren. Ziel ist es, Jugendliche und junge Erwachsene zu motivieren, später selbst als Journalisten tätig zu werden, damit zukünftig weniger über und mehr von Menschen mit Migrationshintergrund berichtet wird.

Kontakt: Nordkurve e.V, info@nordkurve.info, www.nordkurve.info

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