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»Kiezredaktion« – Jugend trifft auf Lokalmedien – RB

15. November 2018

EllaDas Medienprojekt führte Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie erwachsene, hauptberufliche Redakteur/innen aus Nürnberger Zeitungsredaktionen zusammen. Im Rahmen kreativer Dialogformate kamen beide Gruppen ins Gespräch. Ziel war es, einen niedrigschwelligen Zugang für junge Menschen mit Migrationshintergrund zur lokalen Presse zu schaffen, sodass diese dort ihre Themen platzieren konnten. Außerdem sollten die jungen Teilnehmer/innen aus erster Hand die Funktionsprinzipien von Lokaljournalismus kennen lernen. Die Journalist/innen wiederum wurden für die Interessen der jungen Menschen sensibilisiert. Sie lernten deren Lebenswelten und die damit zusammenhängenden Themen und Ansprüche an ein Lokalmedium kennen. Eine engagierte Kerngruppe von Jugendlichen übernahm die Vorbereitung und Organisation der insgesamt 30 Veranstaltungstermine.

In den Redaktionen von Zeitungen und lokalen Medien sind Menschen mit Migrationshintergrund in der Regel unterrepräsentiert. Hinzu kommt, dass eine Auseinandersetzung mit Lokalmedien (z.B. die regelmäßige Zeitungslektüre) unter den Jüngeren nicht mehr selbstverständlich ist.  Der Kulturförderverein Nordkurve e.V. hatte sich daher mit dem Projekt »Kiezredaktion« zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit jungen Menschen – mehrheitlich mit Migrationshintergrund – in Nürnberg einen Dialog zwischen Lokalredaktionen und der Kiezöffentlichkeit anzuregen. Die Idee: Jugendliche organisieren 30 Events, bei denen Jugendliche und junge Erwachsene über ihre Anliegen und Themen mit Lokalredakteur/innen sprechen und so einen neuen und ungewöhnlichen Zugang zu den Zeitungsredaktionen kennenlernen.


Jungredakteur/innen und Medienpartner

Mehrere Präsentationen in den umliegenden Schulen machten Jugendliche auf das Projekt aufmerksam. Das Kernteam der »Kiezredaktion« bildeten schließlich 13 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Darunter Mittel- und Realschüler/innen aus den Nürnberger Stadtteilen Gostenhof und Südstadt. Die Nürnberger Zeitung war Hauptmedienpartner des Projektträgers. Den 13 Jugendlichen standen damit 13 Lokalredakteur/innen und Journalist/innen, die ebenfalls an der »Kiezredaktion« teilnahmen, zur Seite.

Die Zeitungsredaktion begleitete das Projekt außerdem im Rahmen regelmäßiger Berichterstattung. In über 30 Beiträgen und Artikeln erreichten die Themen des Projektes damit mehrere Tausend Leser/innen. Auch die lokale Netzwerkgruppe der Neuen deutschen Medienmacher konnte für das Projektvorhaben gewonnen werden. Dieser unabhängige Zusammenschluss  von Journalist/innen mit und ohne Migrationshintergrund setzt sich für eine ausgewogene Berichterstattung über Deutschland als Einwanderungsland ein. Die Projektverantwortlichen hielten sich mit weiteren Kooperationen – gerade in der Jugendverbandsarbeit – zurück. Denn es sollten junge Menschen teilnehmen, die nicht bereits in andere Jugendangebote eingebunden waren.


Keine Promis, bitte!

Die jugendliche Planungsgruppe entschied sich für eine zeitliche Bündelung der meisten Projekttermine in der Vorweihnachtszeit – vorbereitet und gefolgt von einzelnen Events im Oktober, November und bis zum Frühsommer. Als Hauptthema der Veranstaltungsreihe entschieden sich die Jugendlichen für die anstehende Bundestagswahl, und damit für eine politische Diskussion mit den Gästen. Nicht zuletzt war den Jugendlichen wichtig, keine Promis einzuladen, dafür aber Menschen zu Wort kommen zu lassen, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen. Es sollten viele Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort kommen, ohne aber den Migrationshintergrund selbst explizit zu thematisieren.

Die Jugendlichen sammelten zunächst Namen von Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten wollten. Über eine WhatsApp-Gruppe tauschten sie sich untereinander über den Status der Einladungen und den Erfolg der Akquise aus. Unterstützt wurde die Recherche von der Nürnberger Zeitung und vom Verein Nordkurve. Offizielle Einladungen an die Talkgäste wurden aber erst verschickt, nachdem ein Erstkontakt über die Jugendlichen hergestellt war.


»Politische Aufgüsse« und bunte Themenvielfalt

Im Rahmen eines dreidimensionalen, lebendigen Adventskalenders fand die Intensivphase des Projektes zwischen dem 1. und 23. Dezember 2016 im Showroom »Nordkurve« in Nürnberg Gostenhof statt. 23 Akteurinnen und Akteure gestalteten für ihre Gäste und die Öffentlichkeit jeweils einen ungewöhnlichen vorweihnachtlichen Talkabend. Der Showroom wurde hierfür in eine Saunalandschaft umgestaltet. Die Gastgeber/innen betätigten sich als »politische Saunameister« indem sie für die die Anwesenden »politische Aufgüsse« bereiteten und die Teilnehmenden durch die Frage »Wie stelle ich mir Deutschland in 10 Jahren vor?« sprichwörtlich ins Schwitzen brachten. Frei nach »Speaker‘s Corner«-Art entstanden unzählige fünfminutige Impulse zur Lage der Nation.

Zwischen Oktober 2016 und Frühsommer 2017 entstand eine bunte Vielfalt von Themen und Diskussionen. Im Rahmen der »Vesperkirche«, einem Kulturprogramm auch – aber nicht nur – für sozial benachteiligte Menschen, verwandelte sich die »Kiezredaktion« zu einem  Dialog mit Menschen an der Armutsgrenze. An gedeckten Tischen nahmen circa 250 Personen Platz. Im Rahmen eines Mittagessens konnten sie das Gespräch zwischen den Jugendlichen und den Redakteur/innen der Nürnberger Zeitung miterleben und sich beteiligen. Diskutiert wurde über Ausprägungen und Wahrnehmungen von Ungerechtigkeiten in der Stadtgesellschaft Nürnbergs.
Daneben fanden aktuelle außenpolitische Entwicklungen und die Zukunft Europas Beachtung in der »Kiezredaktion«. So sind Jugendliche und junge Erwachsene oft an (Sprach-)Reisen durch Europa interessiert. Manche planen sogar längere Auslandsaufenthalte vor oder während des Studiums oder der Berufsausbildung. Angesichts des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union und zunehmender Fremdenfeindlichkeit in vielen europäischen Ländern stellten sich die Teilnehmenden die Fragen: Wie attraktiv wird England nach dem Brexit sein? Welche europäischen Länder sind für junge Menschen interessant? Und wie stehen die Jugendlichen in Nürnberg zu Europa?

Auch der Begriff der »Vielfalt« selbst wurde zum Thema. In Nürnberg leben mehr als 500.000 Menschen. Damit vereint die zweitgrößte Stadt Bayerns zahlreiche Lebensentwürfe. Die Redaktionsmitglieder richteten kritisch den Blick auf das eigene Leben und fragten sich, welchen Preis junge Menschen zu zahlen bereit sind, um ihre eigenen Vorstellungen von sozialer Identität ausleben zu können. Welchen Stellenwert hat die Idee von gesellschaftlicher Vielfalt auf der Bedürfnisskala? Welche Prioritäten kommen vor, und welche nach der Wertschätzung von Vielfalt?


Erfahrungen und Lektionen

Rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zahlreiche Artikel, viele Veranstaltungen: das hat beeindruckt. Doch die Jugendlichen haben im Rahmen der »Kiezredaktion« in erster Linie gelernt, dass man in seinem persönlichen Mikrokosmos, seinem sozialen Umfeld und seiner Nachbarschaft viel bewegen kann, wenn man diese Dimensionen als Bindeglieder zwischen privatem Raum und der gesellschaftlichen Öffentlichkeit begreift.

Bei der Abschlussauswertung stellten die Jugendlichen fest, dass die Wahrscheinlichkeit für anregende Diskussionen in der Regel mit steigender Anzahl der Teilnehmer/innen abnahm. »Die besten Veranstaltungen waren die, bei denen 15 bis 25 Teilnehmer/innen anwesend waren.«, lautete eine Erkenntnis der jungen Projektplaner/innen. Zu den meisten Veranstaltungen entstanden Presseberichte. Da allerdings die Nürnberger Zeitung Hauptmedienpartner war, hielten sich andere lokale Medien mit einer intensiven Berichterstattung zurück. Hier lernten die Jugendlichen, dass die Medienwelt nach eigenen Regeln funktioniert und Zeitungen durchaus in Konkurrenz zueinander stehen. Nicht zuletzt waren die Jugendlichen positiv überrascht, dass ihre Veranstaltungen von so vielen Erwachsenen aus dem Umfeld unterstützt wurden, und unter den Teilnehmer/innen sowohl junge als auch ältere Menschen waren.
Es erwies sich für die junge Planungsgruppe als große Herausforderung eine konstruktive Streitkultur bei den Veranstaltungen anzuregen. Oft blieb der Austausch sehr harmonisch, obwohl durchaus größere Meinungsunterschiede unter den Teilnehmenden vorhanden gewesen sein dürften. Eine Kontroverse im Vorhinein anzulegen – und damit gewissermaßen zu inszenieren – lehnten die Jugendlichen wiederum ab. So kam die Planungsgruppe gemeinsam zur Erkenntnis, dass es gar nicht so einfach ist eine anspruchsvolle Politveranstaltung zu konzipieren.

 

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