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Eine Familie findet ihre Geschichte – NN

28. März 2019

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An einem Sommertag im Juli vor einem Jahr stand Alain Jesuran im Hinterhof des Hauses Volprechtstraße 21. Der Arzt aus Brüssel hatte jahrzehntelang nach dem Ort gesucht, an dem seine Großeltern bis zu ihrer Flucht vor den Nazis 1933 lebten. Was er fand, war nicht nur das Haus. Die jetzigen Eigentümer wurden Freunde und aus der Geschichte seiner Familie ein Projekt für die junge Generation.

Zehn Tage vor Weihnachten ist Alain Jesuran wieder in der Volprechtstraße in Gostenhof. Mit ihm gekommen sind seine Schwester Isabelle Jesuran-Goldberg und ihre Tochter Laura sowie seine Cousine Monique Perelroizen mit ihrer Mutter Aviva Jesuran. Sie sitzen im Hinterhaus in der Wohnküche von Johanna Zwinscher und Jean-François Drozak. Der Architektin und dem Theaterpädagogen gehören seit vier Jahren Vorderund Rückgebäude. Die Familien haben sich angefreundet, vor ein paar Wochen traf man sich in Brüssel.


Schüler schreiben mit
„Wir haben uns dafür entschieden, die Geschichte des Hauses zu dokumentieren“, sagt Drozak. „Wir hätten einen Hochschuldozenten um Mitarbeit bitten können, aber uns ist es wichtiger, die vierte Generation einzubinden.“ Zehn Elftklässler des Dürer-Gymnasiums erforschen deshalb zwei Jahre lang im Rahmen eines P-Seminars die Geschichte des Hauses.
„Wir haben jetzt in Nürnberg eine große Familie, das ist wunderbar und ein Sieg des Lichts über die Dunkelheit“, sagt Alain Jesuran. Erinnerung ist eine emotionale Angelegenheit. Vor allem, wenn man so lange nach einer Brücke in die eigene, schmerzvolle Geschichte gesucht hat.

Juli 2017: Alain Jesuran entscheidet sich dafür, endlich in Nürnberg nach seinen Wurzeln zu suchen. Bislang ist seine Erinnerung löchrig wie ein unfertiges Puzzle. Er weiß, dass sein Vater Ismar und dessen Brüder Julius und Sigmund in der Adam-Klein-Straße geboren wurden. Dann zogen die Großeltern Josef und Bella um, bislang weiß er nicht, wohin.

Doch als hätte das Schicksal nur auf seinen Entschluss gewartet, findet er kurz vor seiner Abreise einen Ordner seines Großvaters. „Darin lag die Heiratsurkunde, in der er sich mit meiner Großmutter auf Gütertrennung einigte. Und darin stand die Adresse Volprechtstraße 21.“

Sein Großvater war als 18-Jähriger aus Warschau nach Nürnberg gezogen. Die Ehe mit Bella war arrangiert, „aber dann wurde es Liebe“. Sie kauften 1932 die Volprechtstraße 21, um im Rückgebäude eine Näherei einzurichten. „Mein Großvater reiste mit Tischdecken und Bettlaken herum, Kunden konnten sie testen und dann in der Volprechtstraße bestellen.“

Der Familie ging es gut, sie besaß 14 Wohnungen, die Söhne hatten ein Kindermädchen. Am 15. Juli 1932 entstand ein Foto von Ismar, Julius und Sigmund in einem Park in Nürnberg. Nesthäkchen Sigmund ist 14 Monate alt, Ismar ist acht Jahre und besucht in Fürth dieselbe Schulklasse wie der spätere amerikanische Außenminister Henry Kissinger. Julius, der Älteste, ist elf. Er wird 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Alle drei grinsen zaghaft in die Kamera.

Als besonderes Weihnachtsgeschenk ließen Johanna Zwinscher und Jean-François Drozak eine Kopie des Fotos von Graffiti-Künstler Leo Heidingsfelder an die Fassade des Vorderhauses malen. Alain Jesuran und die übrigen stehen davor und freuen sich, „das bedeutet uns viel“.

Haus für wenig Geld verkauft
1933 fragte ein Mieter die Jesurans, ob sie ihm ihr Haus verkaufen. Sie fanden das Ansinnen merkwürdig und lehnten ab. Er werde in drei Monaten noch mal fragen, entgegnete der Nazi. Kurz darauf kam das Kindermädchen aufgeregt mit den Jungs aus der Veit-Stoß-Anlage zurück. Dort standen Schilder mit der Aufschrift „Hunde und Juden unerwünscht“. Sie kündigten. „Großmutter erkannte, dass es Zeit war zu fliehen“, sagt Alain Jesuran. So verkauften sie ihr Haus doch an den Nazi, auf die Schnelle und für wenig Geld.

Alains Schwester Isabelle Jesuran- Goldberg sitzt ihm am Esstisch gegenüber. Johanna Zwinscher hat Kaffee gekocht, sie übersetzt, wenn die Familie auf Französisch erzählt. Vater Ismar habe nie über die Nazi-Zeit gesprochen, sagt Isabelle Jesuran-Goldberg. „Er fühlte sich wohl schuldig, weil er überlebt hatte und sein älterer Bruder nicht.“ Wie Julius Jesuran starb, erfuhr sie erst bei der Beerdigung ihres Vaters. Sie weint, während Tochter Laura gerührt durch ein Tagebuch von Julius Jesuran blättert, der ein talentierter Zeichner war.

1940 besetzten die Nazis Belgien. Jüdische Familien wurden gezwungen, Männer zum „Arbeitseinsatz“ zu schicken.

Sigmund war zu jung, Ismar fügte sich selber an der Nase Verbrennungen zu, um nicht gehen zu müssen, also

machte es Bruder Julius. Vom Bahnhof in Mechelen wurde er wie Tausende Juden nach Auschwitz deportiert.

„Er konnte eine Postkarte rausschmuggeln, auf der er davor warnte, dass Auschwitz ein schlechter Ort ist. Das hatte er wohl am Bahnhof erfahren“, sagt Isabelle Jesuran-Goldberg. Als die Familie in Brüssel die Karte las, tauchte sie in den Untergrund ab.
Aviva Jesuran heiratete später Sigmund, den jüngsten Sohn von Josef und Bella. Er schrieb ein Buch über die Familiengeschichte. „Er konnte erst nach einem Treffen mit anderen jüdischen Überlebenden 1990 über seine Erlebnisse sprechen“, sagt Tochter Monique Perelroizen, die in Toulouse lebt. „Er sprach eine halbe Stunde und schrieb dann wochenlang. Er musste Handschuhe tragen, weil die Haut an seinen Händen entzündet war. Als das Buch fertig war, heilten auch seine Hände.“

Ihr Vater habe ihnen mitgegeben, nach vorne zu schauen, sagt Isabelle Jesuran-Goldberg. Doch so, wie es für die Familie wichtig sei, die Wahrheit zu kennen, sei es wichtig, diese an die junge Generation weiterzugeben. Sie wollte nicht nach Nürnberg reisen, doch als sie erfuhr, dass Schüler des Dürer-Gymnasiums die Geschichte der Volprechtstraße 21 aufschreiben, kam sie doch. „So geht die Erinnerung weiter.“

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