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Deutschland ältestes Castingteam sucht NAchwuchs

1. August 2019

Moderne Schatzsucher sitzen in Jurys. So wie Dieter Bohlen und Kollegen, die wieder landauf, landab Deutschlands nächsten Superstar und Deutschlands nächstes Supertalent suchen. Aber wehe, einem verschlägt es die Stimme oder sein Talent ist nur mittelmäßig. Die Kandidaten werden in so einem Fall von Bohlen mit Sprüchen wie „Ich könnte dich in meinem Garten vergraben, als Kompost für die Blumen“ oder „Das ist fast aktive Sterbehilfe, wenn du singst“ verbal abgewatscht. Dass es auch anders geht, beweist Deutschlands wohl ältestes Castingteam, das Regisseur Jean-François Drozak aufgestellt hat. Sein Juryteam besteht aus pensionierten Lehrkräften im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Da das Team erweitert werden soll, sucht Drozak nun nach pensionierten Lehrkräften aus ganz Bayern, die auf Talentsuche gehen möchten und definitiv mehr Mitgefühl zeigen als Dieter Bohlen und seine Kollegen.


Der Kontrast zwischen Dieter Bohlen und Casting-Ehepaar Amrie und Hanns-Karl Zwinscher könnte nicht größter sein. Während Bohlen seine Bewerber mit Sprüchen wie „wenn du jetzt 3000 Prozent besser singst, könntest du eventuell Scheiße erreichen” oder „wenn du deine Stimme zwischen zwei Mülltonnen stellst, können wir da ‘n schönes Familienfoto von machen“ beleidigt, ermutigt das Ehepaar Zwinscher ihre Kandidaten. Zum Beispiel ein Mädchen aus der sechsten Klasse einer Nürnberger Mittelschule. Schüchtern steht sie vor dem Ehepaar und ihre Hände wissen nicht wohin. Leise beginnt sie zu sprechen. Amrie Zwinscher unterbricht sie. „Lauter, du hast doch was zu sagen“, ermutigt sie die Schülerin, Hanns-Karl Zwinscher schenkt dem Mädchen ein aufmunterndes Lächeln. Das Mädchen fasst neuen Mut und der zweite Anlauf klappt besser. Die Schülerin wirkt erleichtert und stolz.

Ob es für eine Rolle im Schultheaterstück von Jean-François Drozak reicht, ist noch offen. Aber dem Nürnberger Theaterregisseur ist es wichtig, dass der Mut der Schüler, sich einem Casting zu unterziehen, auch belohnt wird. „Nicht wenige junge Menschen versprechen sich von gängigen Castingshows Anerkennung und bewerben sich. Diese sind allerdings dafür bekannt, dass sie mit den Teilnehmern nicht zimperlich umgehen. Vor laufender Kamera sind abwertende oder gar beleidigende Aussagen über die Qualität der Bewerber nicht unüblich. Dementsprechend ist das Ganze für die Teilnehmer eine psychische Belastung“, weiß Drozak. Er will aber mit seinen Schultheaterprojekten keine Schüler brechen, sondern sie stark fürs Leben machen. Gastiert er an einer Schule in Bayern, probt er in dreieinhalb Tagen ein Theaterstück ein. Manchmal geht es darin um Depressionen, Drogen oder Aids, im Angebot hat er auch Stücke über Kinderarmut, Energiewende, Berufsberatung oder Deutsch als Zweitsprache. Wenn am vierten Tag die Aufführung des Stücks ist, sollen alle Beteiligten gestärkt daraus hervorgehen, entweder als Darsteller, die eine neue Seite an sich entdeckt haben, oder als Zuschauer, weil sie durch das Stück eine neue Sicht auf ein Thema gewonnen haben.

Ein Casting à la Dieter Bohlen sei da kontraproduktiv und fehl am Platze. Das sei von Anfang an seine Überzeugung gewesen, sagt Drozak. Als er allerdings als 32-Jähriger mit den Castings an Schulen angefangen hat, merkte er schnell: Viele Schüler waren skeptisch und gehemmt, als sie das Wort „Casting“ hörten. „Unsere Jugendlichen sind mit TV-Castings in Bohlen-Manier aufgewachsen. Viele fürchten sich deshalb vor einer niederschmetternden Kritik und öffnen sich nicht“, so die Erfahrung des Regisseurs. Dabei ist es ihm ein Anliegen, nicht nur mit Schauspieltalenten ein Bühnenstück zu realisieren, sondern auch rohe Diamanten aufzuspüren und auch schüchternen Jugendlichen eine Chance zu geben. Aber wie kann man das Vertrauen der schüchternen Schüler gewinnen?

Die Antwort lieferte dem heute 44-Jährigen das Ehepaar Zwinscher zufällig. Als die Grund- und Hauptschullehrerin und der ehemalige Lehrer einer Wirtschaftsschule in Pension gingen, bot ihnen Drozak an, für ihn Castings zu übernehmen. Im Jahr realisiert er ca. 30 Theaterprojekte. Die Auslagerung der Castings war für ihn eine große Hilfe. Und siehe da: Für ein Casting beim Ehepaar Zwinscher meldeten sich auf Anhieb doppelt so viele Schüler wie beim Regisseur. Und das jedes Mal. „Ich denke, zu einem Großelternpaar fassen Schüler wirklich schneller Vertrauen als zu einem Agenturchef, trauen sich eher aus sich heraus, zeigen sich so, wie sie sind. Bei einem 30-, 40-jährigen Regisseur erwarten viele Schüler vielleicht eine härtere Kritik oder eine niederschmetternde Bewertung. Nicht aber bei Oma und Opa“, meint Drozak. Für ihn ist die Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Zwinscher ein Segen.

„Wir haben auch nicht lange überlegt“, erinnert sich Hanns-Karl. In seiner aktiven Dienstzeit an einer Erlanger Wirtschaftsschule sei Drozak bei ihm an der Schule gewesen, um mit Schülern ein Theaterstück einzustudieren. Da parallel noch weitere Projekte an der Schule angeboten wurden, blieben für das Theaterprojekt nur noch leistungsschwache Schüler über. „Jean aber weckte Talente in den Schülern, die uns bislang verborgen blieben. Aus schüchternen Kindern wurden im Laufe des Projekts selbstbewusste. Es war für uns Lehrer sehr schön zu sehen, wie die Schüler in ihrer Persönlichkeit reiften und wie sich die Kinder auf der Bühne freigespielt haben“, schwärmt Hanns-Karl. „Das Medium Theater, die Theaterstücke und Jean haben mich einfach überzeugt und so haben wir sofort zugesagt, als Jean uns um Hilfe bat.“

Und so packt das Ehepaar Zwinscher ihre Koffer, wenn Jean ruft. „Für uns ist das eine schöne Abwechslung“, sagt Amrie. „So lerne ich wenigstens Bayern kennen“, sagt die gebürtige Cuxhavenerin, die mit ihrem Mann in Hetzles bei Forchheim wohnt. So war das Ehepaar schon in vielen großen und kleinen Städten Bayerns, zum Beispiel in Wiltenberg. „Da wären wir ehrlich gesagt so nie hingekommen.“ Einen Tag vor den Castings reist das Ehepaar an und erkundet den Ort. „Und wir gehen zum Abendessen aus, auf ein Date mit meiner Frau sozusagen“, sagt Hanns-Karl Zwinscher und lächelt seiner Frau zu. Für das Casting selbst bekommen sie zwar keinen Lohn, dafür übernimmt Drozak sämtliche Ausgaben und Reisekosten. Für das Ehepaar Entlohnung genug. „Und es macht uns auch noch unglaublich viel Spaß“, verrät Amrie. „Wir beide haben unseren Beruf und die Arbeit mit Kindern geliebt. Jetzt lernen wir Schule in einer neuen Rolle kennen. Wir wissen nicht, wie die schulischen Leistungen der Kinder sind und müssen keine Fehlersucher sein. Wir können die Schüler so nehmen, wie sie sind, und wir können ihnen in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit helfen, ohne ihre Seele zu verletzen“, sagt Amrie. Schon als Grund- und Hauptschullehrerin war es ihr wichtig, ihren Schülern ein gutes Rüstzeug an die Hand zu geben, um im Leben bestehen zu können. „Und ich bin dankbar, dass ich Kindern weiterhin Rüstzeug mit auf dem Weg geben kann.“

Bisher haben Amrie und Hanns-Karl in nunmehr fast zehn Jahren mehr als 300 Castings durchgeführt, weit mehr als 10 000 Jugendliche konstruktiv bewertet. In ihren Castings achten sie darauf, dass niemand bloßgestellt wird. Nachdem sie das Theaterprojekt in jeder Klasse vorgestellt haben, teilen sie die Bewerber in Gruppen ein. In der Gruppe stellen sich die Kinder kurz vor. Amrie und Hanns-Karl Zwinscher hinterfragen Stärken und Schwächen der Bewerber, stellen Fragen zum Thema des Stücks. Dabei achten sie nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf Tonlage und Lautstärke. Gemeinsam entscheiden sie im Anschluss, wer mitmachen darf. Da ist oft pädagogisches Geschick gefragt: Gibt man der schüchternen Alina eine Chance oder dem talentierten Ben, der allerdings etwas zu arrogant ist? Aber auch wenn die Entscheidung gefallen ist, manchmal ist die Arbeit des Ehepaars noch nicht vorbei. „Es gibt auch Kinder, die bekommen kalte Füße. Die suchen dann oft gezielt das Gespräch mit uns, vertrauen sich uns an“, schildert Amrie. „Uns freut es, wenn wir den Kindern den Rücken stärken können. Die Hälfte unserer Schüler, die wir auswählen, hat noch nie auf einer Bühne gestanden, geschweige denn Theater gespielt. Und es ist eine wahre Freude, ihnen bei der Entwicklung zuzusehen“, sagt Hanns-Karl. Und seine Ehefrau ergänzt: „Wir fahren auch oft beschwingt und gut gelaunt nach Hause, weil wir tolle Begegnungen hatten und etwas Sinnvolles getan haben.“

Wer im ältesten Castingteam Deutschlands mitmachen möchte, ist herzlich willkommen. Erforderlich sind pädagogische Erfahrung und ein erweitertes Führungszeugnis. Theaterregisseur Jean-Francois Drozak und seine Agentur „Kunstdünger – die Agentur für Kulturdesign“ ist per Mail an drozak@kunstduenger-nuernberg.de oder per Telefon unter 0178/ 69 74 186 erreichbar.

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