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Das Wohnzimmer zur Mitte – NN

21. Juni 2018

Das Wohzimmer zur Mitte

Ein „Wohnzimmer“, was ist das eigentlich? Was macht einen Raum aus, was braucht er, was soll er transportieren können, um als ein „Wohnzimmer“ gelten zu dürfen? Dieser Frage geht das Projekt „Wohnzimmer zur Mitte“ nach, das Simona Leyzerovich gemeinsam mit dem Kulturverein Nordkurve e. V. ins Leben gerufen hat. Und als wäre das Projekt, das im November in einem Atelierraum in Johannis an den Start gegangen ist, nicht bereits vielschichtig genug, so soll es als Pilot für eine richtig große Sache dienen: Wenn das Konzept funktioniert, könnten bald 500 Nürnberger Haushalte ihr Wohnzimmer für eine kulturelle Veranstaltung öffnen und damit beweisen, dass das „Bürgerrecht Kultur zu unserer gelebten Alltagskultur geworden ist.“

Es war ein einschneidendes Erlebnis, das Jean-Francois Drozak vor 20 Jahren den Weg zur heutigen Idee geebnet hat. Zu Besuch in Irland, erzählt der 42-Jährige Sozialarbeiter und Begründer des Kulturvereins und -raums „Nordkurve e. V.“, habe er eine alte Dame kennengelernt. Unlängst verwitwet, habe diese beschlossen, bei Bedarf der Einsamkeit ein Ende zu bereiten, kurzerhand ihr Wohnzimmer um- und einen Tresen hineingeräumt und wann immer ihr danach war per Guinness-Leuchtschild vor der Tür zur Geselligkeit geladen. „Das“, so Drozak, „hat mir das Wohnzimmer so gezeigt, wie es sein soll: ein Begegnungsort für Menschen.“ Ganz ähnlich sieht das auch Simona Leyzerovich: „Im Gegensatz zu früher verbringen Menschen so viel Zeit alleine daheim, vor dem Fernseher oder mit dem Smartphone“, sagt die 25-Jährige und schwärmt von Zeiten des „Chambre d’amis“ und gelebter Salon-Kultur. Für ihre Bachelor-Arbeit im Studienfach „Design“ der Ohm-Hochschule möchte sie „den Lebensort Wohnzimmer erforschen, abstrahieren, dekonstruieren und dessen Grenzen ausloten.“


Drozak möchte „mit unserer Generation das soziokulturelle Erbe von Hermann Glaser antreten und mit Verantwortung weiterführen“ – nicht nur die des „Bürgerrechts für Kultur“, sondern auch die der „Bürgerpflicht“ derselben. Zumal in einer Stadt, die sich in Olymp der Kulturhauptstadt erheben lassen möchte. Was liegt da näher, als zu „versuchen, zu beweisen, dass die Bürgerinnen und Bürger Nürnbergs verstanden haben, was Soziokultur bedeutet? Dass dabei „an den Kultur-Eliten vorbeigedacht werden muss“, ist für Drozak und Leyzerovich klar. Was also so hochtrabend kulturtheoretisch klingt, heißt nichts anderes als: Kommt raus aus euren Höhlen, öffnet eure Wohnzimmer, macht sie zu Orten der Begegnung und Geselligkeit – und der Kunst. 500 Haushalte, so die Idee, sollen sich nach Ablauf des jetzt begonnenen Probejahres dazu bereiterklären, ihre gute Stube als kulturellen Veranstaltungsort zur Verfügung zu stellen – für alle Formen der Kunst, für verschiedenste Menschen.

Ob und wie das funktionieren kann, das probiert die Projektgruppe um Simona Leyzerovich und Jean-Francois gerade aus. „Das Wohnzimmer zur Mitte“, erklären sie, „hat zwei Komponenten.“ Zum einen finden im Atelier alle zwei Monate „Experimentierabende“ statt – vollumfänglich öffentliche Veranstaltungen für Jedermann auf kleinstem, zum Wohnzimmer umfunktionierten Raum, in dem von Lesung bis Improtheater, von Konzert bis Tanzperformance jedwede Kunstform stattfinden darf. Außerdem sollen hier „Grenzen ausgelotet werden“: Wie lang kann ich wie laut sein, bis die Nachbarn sich beschweren, wie groß muss ein Schaden an einer Wand werden, bis er irreparabel ist? Das ist wichtig. Klar, für später.

Aber auch für die zweite Komponente des Projektes: die „echten Wohnzimmer“. Zwölf Stück davon, allesamt beheimatet im durchaus symbolisch gewählten Langwasser, haben sich bereiterklärt, Teil des Projekts zu werden. Was bedeutet: Private Haushalte öffnen einmal im Monat ihr intimstes Reich, um dort mitunter fremden Menschen Zutritt zu gewähren, sowie Künstlern der unterschiedlichsten Professionen eine Bühne zur Verfügung zu stellen und damit auch eine besondere Form der Nähe, des Feedbacks, des Diskurses zu ermöglichen – (räumliche) Grenzen zwischen Publikum und Künstler sind passé. Beim Gedanken daran, fremden Menschen Zutritt zu gewähren, stellen sich vielen wohl die Haare auf. Die Couch, die Vase, das Service? „Wenn wir dauernd Angst haben, dass etwas passieren könnte“, so Leyzerovich, „dann machen wir am besten gar nichts mehr.“ Und: „Natürlich ist das ein Projekt, das auf großem Vertrauen in die Menschheit basiert.“

Dabei ist die Idee so ganz jungfräulich nicht: Seit Jahren schon stellen Menschen ihre Privaträume beispielsweise für sogenannte „Wohnzimmerkonzerte“ zur Verfügung. Also warum nicht einfach noch mehr Kunst? „Wir glauben daran, dass das ‚Wohnzimmer zur Mitte‘ ein Impuls, der richtige Impuls für die Stadt sein kann“, so Drozak. Noch wird viel erarbeitet, viel erfahren, viel ausprobiert. Aber wer sich schon einmal ein Bild machen möchte von der Idee, der kann das gleich am Wochenende tun: Von 18 bis 21 Uhr heißt es am 9.12. in der Wiesentalstraße nämlich „Komm vorbei, erlebe mit uns, wie Kunst Wohnraum verändern kann! Mach mit, bring ein Ausstellungsstück mit, nimm einen Marker in die Hand, trink einen Likör mit uns, spring auf dem Sofa, sag was Kluges ins Mikro!“

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