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Am Ende ist der Geschmack entscheidend – NZ

20. Februar 2019

grillNÜRNBERG — Biolebensmittel sind inzwischen nichts Besonderes mehr. Viele verbinden damit eine gesündere Lebensweise und Fairness. Doch ist das denn immer der Fall? Über die Ehrlichkeit und die kleinen und großen Schummeleien in der Lebensmittelbranche sprach die NZ mit Thomas Grill, dem Koch und Inhaber des Restaurants „Herr Lenz“ in Gostenhof.

NZ: Herr Grill, was ist für Sie ehrliche Küche?

Thomas Grill: Ehrliche Küche ist, wenn ich alles selbst koche. Ich möchte keine vorgefertigten Lebensmittel verwenden, keine Tütchen aufreißen oder ein Glas aufschrauben. Nur in Einzelfällen lässt sich das bei mir nicht vermeiden wie bei Nudeln und Sauerkraut.


NZ: Glauben Sie, dass alles Bio ist, wenn es auf der Verpackung steht?

Grill: Nein. Es ist eine milliardenschwere Industrie, die weltweit funktioniert. Die Kontrollmöglichkeiten sind gering. Also gibt es mit Sicherheit auch in der Biobranche den einen oder anderen Betrug. Mir geht es nicht so sehr um den Aufkleber, dass es Bio ist. Ich kaufe ein Produkt und wenn es mir zusagt, dann kaufe ich es wieder. Am Ende ist der Geschmack entscheidend. Da gibt es auch andere Regeln, an die man sich halten kann. So ist es sinnlos, im Januar eine Aubergine zu kaufen und zu hoffen, dass sie genauso schmeckt wie ich sie im Sommerurlaub in Griechenland gegessen habe. Ich kann auch Gemüse aus dem Nürnberger Umland kaufen, das wird besser schmecken als jedes Biogemüse aus dem Ausland.

NZ: Ist es ein Trend, Bio-Produkte zu kaufen, Veganer oder Vegetarier zu sein oder machen es die Menschen aus Überzeugung?

Grill: Ich glaube, dass alles mit einem Trend anfängt und mit einem Bewusstsein aufhört. Bioprodukte sind als Bestandteil der Ernährung inzwischen fest in unserer Gesellschaft verankert. Der ganz große Anstieg in der Biobranche ist allerdings vorbei. Ob es noch ein gewisses Wachstum geben wird, hängt auch von dem Angebot etwa in Supermärkten ab. Wenn jetzt einige Discounter beschließen, alle Bio-Produkte aus dem Sortiment zu nehmen, dann werden die Menschen weniger Bio kaufen.

NZ: Wie ehrlich sind die deutschen Konsumenten zu sich selbst beim Thema Essen?

Grill: Deutschland gehört zu Ländern, in denen Lebensmittel sehr günstig sind im Vergleich zum Einkommen. Viele deutsche Konsumenten entscheiden sich bewusst dazu, billig einkaufen zu gehen. Das hat wahrscheinlich viel mit der deutschen Vergangenheit zu tun, mit der Zeit nach dem Krieg, in der man sparsam sein musste. Es gibt natürlich auch eine andere Esskultur, andere Wertschätzung des Essens wie etwa in Frankreich. Es ist eine Form der Ehrlichkeit zu sich selbst, wenn man bereit ist, für gutes Essen mehr Geld auszugeben. Jeder kann es sich ausrechnen: Wenn man billig einkauft, kann man nicht das Gesündeste erwarten. Die meisten sind aber nicht bereit, diese Rechnung für sich aufzumachen. Viele Menschen bei uns wollen auch nicht wissen, unter welchen Umständen die Lebensmittel hergestellt werden. Aber für viele ist es ein wirtschaftlicher Zwang, günstig einzukaufen. Nicht jeder kann es sich leisten, immer Gemüse und Fleisch in Bio-Qualität zu kaufen. Es hat einfach einen sehr viel höheren Preis und ich würde deswegen nicht pauschal sagen, dass diejenigen, die keine Bio-Produkte zu sich nehmen, sich konsequent selbst belügen.

NZ: Welche Rolle spielt die Werbung bei der Begehrlichkeit beim Essen?

Grill: Die gleiche Rolle, die sie beim Thema Begehrlichkeit von anderen Konsumartikeln spielt. Durch die Werbung lassen sich die Produkte gut in Szene setzen und es lässt sich leicht eine Begehrlichkeit schaffen. In Deutschland kommen sehr viele Lebensmittel aus Fabriken, ohne Werbung würde man diese Produkte vielleicht kennen, aber sie würden nicht so oft verkauft werden.

NZ: Was will die Bio-Gastronomie Ihrer Meinung nach erreichen?

Grill: Die Bio-Gastronomie wird betrieben von Menschen. Jeder hat andere Ziele. Für manche ist es eine Möglichkeit, einfach nur Geld zu verdienen, für andere ist es eine Lebenseinstellung, die manchmal schon fast religiöse Züge annimmt. Da gibt es sowohl das eine als auch das andere, wobei Bio-Lebensmittel dazu verleiten, eine gewisse Botschaft mitzusenden. Das heißt, ich biete eine bessere Welt, gesündere Tiere, glücklichere Bauern. Da kann man schon sehr viel mehr mit transportieren.
Fragen: Leonie Sievert, Thyra Krämer

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